Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 8 (August 1846)
- Date
- 1846-08-01
- Page
- Seite 283 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Sagennnd Legendenkunde. 283 Geschichte die äußersten Gegensätze. Denn die sinnige Mythe ist an sich der in natürlich schöner Form schaffende Gedanke, den die sinnige Geschichtsbetrachtungerst aus dem Gegebenen erzeugt. — Zwischen beiden steht auf einer Seite die Dichtung, die mit Bewußtsein und Absicht auf die Form des Schönen losgeht, die daher — im Gegensätze zum Mythos, der dem gemeinen Geiste, z. B. der Nationalität und dgl. angehört —- nur der Einbildungskraft des einzelnen Dichters ihr Dasein verdankt, jedoch gegen ihren Stoff gleichgültiger, ihn bald aufnimmt, bald selber schafft^). — Zwischen Mythe und Geschichte steht auf der entgegengesetzten Seite die Sage oder Legende, die in einen, nothwendig gegebenen, äußern Stoff die eben geschilderten Innerlichkeiten hineinträgt, also in der Wirklichkeit die Wahrheit, im Zeitlichen und Räumlichen den Gedanken, das Gefühl und Wunsch wiederfindet, also den Körper begeistert; die aber auch da, wo das ihr Gegebene nicht genug deutlicher Ausdruck für das in ihm Vorausgesetzte scheint, unwillkürlich aus sich heraus jenes Gegebene ergänzt und daher hart an den Mythus streift, ja bei allzu großer Verdrängung des ursprünglichen Stoffes ganz und gar zum Mythus werden kann"). Dieß Verhältniß des Gegebenen und Geschaffenen bildet den Grundbegriff der Sage und Legende. Die Auseinandersetzung dieses geistigen Vorganges wird uns also zuerst beschäftigen, ja wir werden von demselben Centrum aus alle engeren und weiteren Kreise unserer Besprechung zu ziehen haben. Die Sage ist keine bewußte Dichtung und kein gedanken- und gemüthleereö Gerücht, sie ist vielmehr ein geist- und gestynungsvoller Bericht, sie hat eine Tendenz, steht aber dieselbe, in ihrer Unbefangenheit — oder richtiger Befangenheit -— in ihrem Stoffe enthalten. Freilich für den Sagensorscher muß die Sage zuerst dasselbe sein,was für den Geschichtsforschereine mittelbare-Quelle, die Kritik scheidet in beiden das erste durchleuchtende Factum und die Farbe gebende Strahlenbrechung im Durchgang durch das Element der Quelle; nur ist der geschichtlichen Kritik Ersteres, der Sagenkritik die Letztere Hauptgegenstand und Ziel, wie man etwa-durch dieselbe Auflösung eines Salzes, um den Einen Bestandtheil unbekümmert, Base oder Säure zur Verwendung bezwecken kann. Hieraus ergeben sich für die Sagenforschung zwei Hauptrichtungen, zwei Wege, für welche. Ausgangspunkte zu suchen sind, und es läßt sich leicht vorhersehen, daß letztere eben so wenig sich 1) Die gewöhnliche Unterscheidung der subjektiven und objektiven Poesie, je nach dem Hervortreten des Dichters oder der 'Dichtung ist eine äußerliche, denn der Dichter ist in der sogenannten subjektiven Poesie sein eignes Object. 2) Vgl.^z. B. die Herkulesmythe mit der Eimsonssage. 22 *