Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 7 (Juli 1846)
- Date
- 1846-07-01
- Page
- Seite 271 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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271 Zur Wissenschaft des Jubenthmns. sollte man sich doch nicht achselzuckend von ihm wegwenden, ihn vornehm ignorkrerr und diese Ignoranz so offen zur Schau tragen. Ein geistreicher Schriftsteller nennt den Talmud das Herculanum und Pompeji des jüdischen Alterthums. Und in der That, im Talmud ist das Leben mehrerer Generationen, ihre Tugenden und Schwachen, ihre Weisheit und Beschränktheit in solcher Frische erhalten,- daß er schon als Euriosum, auch ohne sonstige Beziehung zu demselben, das Interesse des Forschers in hohem Grade, erregen mutz. — Und wie wenig ist dieses Buch nach allen Seiten hin gekannt! Es gehört allerdings dazu die ganze Unparteilichkeit, eines an der Brust echter Wissenschaft genährten Geistes, verbunden mit tiefer Eingedrungenheit in diesen dunkeln, aber goldhaltigen Schacht, dem vielfach verkannten, von Freund und Feind gemißdeuteten, abwechselnd gekreuzigten und vergötterten Talmud jene Gerechtigkeit zu verschaffen, die ihm Jahrhunderte versagt haben. — In jüngster Zeit hat.es eine Meisterhand verstanden, eine Partie des talmudischen Literaturgebietes durch geniale Darstellung zu beleuchten und hat dadurch den Talmud dem Verstandniß moderner Anschauung naher gerückt, und eben damit der sich spreizenden Unwissenheit ein beschämendes Gestandniß abgedrungen. Bei der eben so gerechten als geistreichen Behandlung gewann aber nur die eine Seite des Talmud, die Agada, "der Ausdruck der an den jüdischen Institutionen gezeitigten Subjectivitai; die andere umfassendere Seite hingegen, die Halacha, bei deren Construction der subjective Einfluß nur gering war, und die daher den Gehalt des judenthümlichen Bewußtseins reiner reflectirt, hat bisher noch nicht die erforderliche wissenschaftliche Behandlung gefunden. Und doch Ist diese Seite der Haupttheil des Talmuds, die Halacha bildet die granitne Grundmaffe des Talmuds, aus der hier und da, wie Blumen aus Felsenritzen, die Agada hervorbricht, die Halacha bildet das Knochengerüst des talmudischen Körpers, an das sich die weiche Muskulatur und der farbige Ueberzug der Agada anlegt — und gerade diesen Theil hat die Wissenschaft noch nicht unter ihre pflegende Obhut genommen. -- Um so freudiger begrüßen wir das angezeigte Werk des Herrn Chajes, dessen Name einen guten Klang in der jüdischen Gelehrtenwelt hat und dessen Arbeiten auf dem halachischen Felde sich einen Kreis von Lesern und Freunden erworben haben. Wir begrüßen diesen »ins als einen schönen Versuch, den Stoff des Talmuds systematisch' zu durchdringen, die Grundsätze und Methoden anzugeben, nach welchen die talmudischen Autoritäten den hohen Bau des religiösen Lebens zu Stande gebracht haben. Das Werk kann füglich als ein guter Ansatz zu einer Systematik des Talmuds angesehen werden. Doch gilt dieß Urthcil nur von den ersten 16 Abschnitten, die sich mit der Halacha beschäftigen, die letzten 17, welche die Grundsätze der Agada zu abstrahiren suchen , dürsten als weniger gelungen angesehen werden. Kann man sich auch nicht mit allen Behauptungen des Verfassers befreunden, da derselbe mehr einen apologetischen als keinen wissenschaftlichen Zweck verfolgt und es ihm offenbar mehr darum zu thun ist, das erschütterte Ansehen des Talmuds durch den Nachweis der systematischen Gliederung seiner Theile wieder herzustellen, als wissenschaftliche Klarheit in den-Talmud zu bringen: so hat derselbe doch auch für diesen Zweck viel Anerkennenswerthes gelüstet, und es liegt der wissenschaftlichen Thätigkeit ob, diese Studien von der anhaftenden Zufälligkeit der Apologie zu befreien und sich mit dem selbstständigen Werth der Halacha zu beschäftigen. Auch nach einer andern Seite hin macht dieses. Werkchen einen angeneh-