Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 7 (Juli 1846)
- Date
- 1846-07-01
- Page
- Seite 269 (sequence 31)
- Language
- German
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269 Zur Wissenschaft des JudenthumS. — Die gewichtige Mahnung des Veteranen Zunz scheint uns daher Ln dieser Beziehung ein ernstes Wort zur r.echten Zeit! Sehr schlagend schildert nun der Verfasser (S. 17 seq.) die Widersprüche und Halbheiten, worein neuere christliche Gelehrte (Muer, Köster, RoetA Gsrörer u. s. w.) durch ihre Unkenntniß cder Mißachtung der jüdischen Literatur sich verwickeln, so daß selbst David Strauß, obwohl diesen Mangel anerkennend, nicht ganz davon frei zu sprechen ist. — Wenn nun aber der Hr. Vers, auch den nichttheologischen christlichen Gelehrten, Philosophen, Publicisten u. s. w. das gründliche Studium der jüdischen Literatur zumuthen will, um einzelner in ihre betreffende Facher einschlagender Gegenstände willen, welche fie daraus lernen können, so scheint uns dieses doch eine zu hohe Forderung zu sein. Es ist zwar richtig, was Hr. vr. Zunz so schön sagt „der echten Wissenschaft ist kein Wissen gering, wie der wahren Menschenliebe kein Individuum"; allein wenn man bedenkt, welche immense Vorkenntniffe zum richtigen Verstandniß auch nur des leichtesten Thema's in der jüdischen Literatur nöthig sind, wie man hierzu von Jugend auf angeleitet worden sein muß, um nicht grobe Verstöße zu begehen, so kann man jene Zumuthung dbch nicht in so allgemeinem Umfange hinstellen. So unentbehrlich nun auch dem Geschichtforscher und Literarhistoriker des Mittelalters die Kenntniß der jüdischen Literatur ist, so angenehm es dem Dichter und Aesthetiker sein wird, in ihren Hallen sich zu ergehen, so schwierig muß es ihm doch fallen, das ihm Wünschenswerthe ausfinvig zu machen oder gehörig zu würdigen, ohne sich mit der ganzen jüdischenNeligions-Wiffenschast so zu sagen zu identificiren, also ohne theologische Kenntnisse zu haben. — Allerdings ist die jüdische Literatur nicht eine blos theologische, in dem Sinne, wie man dieß gewöhnlich von der christlichen Theologie versteht, allein dieß liegt eben in dem Unterschiede der jüdischen und christlichen Religionslehre. Erstere beschrankt sich nicht bloß auf Entwickelung und Feststellung der Glaubenslehren und damit verbundenen Disciplinen, sondern begreift fast Alles, was nur das menschliche Denk- und Erkenntnißvermügen, sowohl theoretisch als praktisch, zu umfassen vermag. Mathematik, Jurisprudenz, Medicin, Botanik, Hydraulik, Baukunst u. s. w. sind nicht minder integrirende Theile der jüdischen Religionswissenschaft wie Philosophie und Methaphysik. Gegenstände aus allen diesen und noch vielen andern Wissenszweigen kommen in der jüdischen Religionslehre zur Anwendung: Ire werden daher in der jüdischen Literatur behandelt; der Zweck, wehhalb sie behandelt werden, bleibt darum immer ein religiöser. Selbst die Ausnahmen, die hiervon vorliegen, wie z. B. einige medicinische Abhandlungen von Maimonides und anderen jüdischen Aerzten des Mittelalters, mehrere mathematische und astronomische Schriften u. s. w. laufen doch immer wieder in das theologische Gebiet über, wie z. B. der vom Hrn. Verf. S. 20 erwähnte del Medigo seiner Abhandlung über den Unfang der Erde theologische Erörterungen über die Leibliche Auferstehung der Todten einflicht (vgl. Majan gannim p. 177). — Ist nun deßhalb eben die jüdische Literatur eine sehr umfassende und für den Polyhistor höchst interessante, so hört sie doch nicht auf, eine — wenn auch im weiteren Sinne — religiöse Literatur zu sein.— Diejenigen aber, denen das Erforschen des religiösen Geistes, wie und wo er sich auch zu erkennen geben mag, besonders obliegt, die gelehrten Theologen und Religionsphrlosophen dürfen sich des Selbsthinabsteigens in den tiefen und reichen Schacht der jüdischen Literatur nicht entschlagen, wenn nicht, wie der Hr. Verf. mit Recht behauptet „ganze theologische Bauten wurmstichig" werden, weil fie