Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 3 (März 1846)
- Date
- 1846-03-01
- Page
- Seite 92 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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92 Die Construction der jüdischen Geschichte. und Einseitigkeit, aber dann in Vereinigung und innererDurchdringung. Die Verbindung des Religiösen und Politischen, die Einheit der überweltlichen Gottesidee und des Staatslebens — mögen diese beiden Potenzen in einer andern Sphäre zu vielfachen Reibungen und Kämpfen Veranlassung geben, oder gar unvereinbar erscheine», sollen im Judenthume eine Wahrheit werden, die Natürlichkeit des socialen Lebens soll mit seinen höher» und niedrigem Functionen von dem Gottesgedanken getragen und verklärt werden. Das Bild eines von judenthümlichen Institutionen getragenen Staatslebens bleibt das in ferne Zukunft gerückte Ideal des Judenthums: dev Messias, wie ihn die Propheten geschaut, die Tradition überliefert und das jüdische Volköbewußtsein ausgenommen, ist der Schlußstein des Judenthums. — Unsere Aufgabe ist es, in dieser Skizze die Reihefolge der jüdischen Geschichte, ihre Höhen und Niederungen an diesem Maaßstab zu messen und sie nach der Grundidee des Judenthums zu construiren, nach dem unbestreitbaren Grundsatz: die Geschichte ist der Rester der Idee. So gewiß das Judenthum die Verschmelzung des Religiösen und Socialen postulirt, so gewiß ist es auch, daß diese beide Factoren im Beginn der Geschichte auseinanderstehen, wie Lehre und Leben, wie Geschichte und That. Die Thora war den Stämmen in der Wüste übergeben worden, vielleicht hatten sie sich thoretisch auch Manches daraus angeeignet; aber zur Bethätigung, zur realen Bewahrheitigung konnte es nicht kommen. Das erste Blatt der jüdischen Geschichte beginnt mit dem Buche Josua, mit dem Uebergange über den Jordan, mit dem Lager zu Gilgal. Der Pentateuch, das Sklavenlehen in Aegypten und das Wunderleben in der Wüste bis zum Tode des Gottesmannes mit dem Strahlengestchte bildet die interessante Einleitung und Vorbereitung dazu. Diese Vorgeschichte bildet gleichsam die Lehr- und Wanderjahre des Judenthums. — In der ersten Periode, die das babylonische Exil zum Abschluß bringt, sehen wir ein gedoppeltes Ringen, ein Doppelziel zu erreichen. Die lockere-Stammesverfaffung, die noch keinen volksthümlichenMittelpunkt hat, um den sich die partieulären Stammesinteressen bewegen sollen, soll sich zum gemeinsamen Volksleben, zum abgerundeten, gegliederten Staate organisiren, dann das ungehobelte der handgreiflichen Sinnlichkeit zugewendete Naturleben des Volkes zu dem Himmelsfluge des Geisteslebens erheben, den Cultus des übersinnlichen, die Natur bemeisternden heiligen Gottes auch als Mittelpunkt des Staates hinstellen. Diesem Ziele stehet aber die rohe Natürlichkeit des Volkes entgegen und die erste Periode der Geschichte beschreibt diese oscillirendeBewegung der Volksnatürlichkeit und der sich zur Realität ringenden Gottesidee.