Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 3 (März 1846)
- Date
- 1846-03-01
- Page
- Seite 91 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Constructton der jüdischen Geschichte. 91 fremde, ihnen oft feindliche Land, in dieser Hoffnung trösteten fich ihre Kinder, die geknechteten Stämme in der Leidenschule Aegyptens und in dieser Hoffnung wuchs das junge Volk gegen alle Erfahrung naturgemäßer Volksorganisation heran, ohne Heimat, ohne Ruhm, in dem nomadischen Zeltenleben der arabischen Wüste- , Das Hordenleben der Stämme in der Wüste bildet eigentlich den embryonischen Zustand des künftigen Volks. Die Geschichte des jüdischen Volks beginnt erst auf der letzten Wüstenstation, der Jordan bildet den Uebergang aus der Stammesverfassung in die Volksverfassung. Die Geschichte dieses Volkes durchzieht ein logischer Faden, und sie verfichtbart, wenn man sie in größeren Gruppen überschaut, die abwechselnde Thätigkeit der beiden Faktoren, die eben das Judenthum constituiren. Die Gesammtmasse der jüdischen Geschichte, so lange sie nämlich den Heimatsboden zu ihrem Spielraum hat, läßt sich füglich in zwei große Gruppen halbiren, die, wenn man sie mit einander vergleicht, nur in wenigen Punkten einander ähnlichen. Die erste Hälfte, der vorerilische Zeitraum, hat einen vorherrschend politischen Charakter, das religiöse Moment ist anfänglich nur in geringem Grade vorhanden. Die zweite Hälfte, der nacherilisch« Geschichtsverlauf, characterisirt sich gerade durch ein überwiegendes religiöses Gepräge, und diepolitische - sociale Tendenz, die nur noch in geringen Spuren sichtbar ist, nimmt mit dem Ende dieser Periode ganz ab. Die Träger des ersten geschichtlichen Zeitraums find politische Bürger, Kriegshelden, Könige mit nur geringem religiösen Anstug, die des zweiten Zeitraums sind fromm e Männer, Weise, Lehrer, Schüler, Sectirer, die nur ein schwaches sociales Interesse haben. Auf den ersten Blickverräth sichdiese Grundverschiedenheit; man glaubt in der nacherilischen Periode ein ganz anderes Volk vor sich zu haben mit ganz andern Institutionen, und diese Characterverschiedenheit verleitete auch einen jüdischen Geschichtschreiber, die jüdische Geschichte in eine Geschichte der Israeliten und eine der Juden zu zerspalten. Allein haben diese beide Glieder keine Verbifldungskette? Reicht nicht der vorerilische Einfluß auch in die nacherilische Zeit hinaus? Haben die Propheten nicht die Religiösität der zweiten Periode vorbereitet? Das Judenthum weiß sich in diesen beiden Zeiträumen als eins und dasselbe, es trägt in sich dieses Selbstbewußtsein, daß bei aller Verschiedenheit äußerer Erfahrungen und innerer Metamorphosen es für sich eine untheilbare Einheit bildet. — Es muß also im Wesen des Judenthums, in seiner primüiven Idee liegen, daß es in seiner Geschichte diese beiden Faktoren, das religiöse und sociale Moment zur Erscheinung bringen soll, zuerst in Getrenntheit