Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 3 (1846)
- Issue
- 3 (März 1846)
- Date
- 1846-03-01
- Page
- Seite 83 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/2744856-2744883-2744887--1025-2745990- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Die Constructloil der jüdischen Geschichte. ,88 faßt man daS Judenthum ethisch im weiteren Sinne auf. Zur Begründung seines spekulativen Characters beschränkt man die Beweisführung entweder auf den Lehrbegriff des biblischen Kreises, oder man durchwandert zu diesem Behufe das ganze Gebiet der reichen jüdischen Literatur, die Region des Midrasch und der philosophischen Eregese mit hineinziehend, oft ohne zu bedenken, daß diese ElemePe die Spuren fremder Färbung an sich tragen und daher zur Firirung des rein jüdischen Lehrbegriffs wenig beweisen. Zur Constatirung des praktischen Lehrcharacters geht man entweder auf das geschriebene Wort zurück und überspringt solgergestalt alle Tradition, oder man bleibt in der gegenwärtigen Gestaltung des Judenthums stehen, und betrachtet dieses als den naturgemäßen Niederschlag aus den dem Judenthume immanenten Elementen. — Schon aus dieser dürftigen Analyse ergiebt stch leicht, daß die Grundansichten über die Idee des Judenthums nach den verschiedenen Gesichtspuncten auch nothwendigerweise differiren müssen. Eine andere Frage ist es, ob diese Differenz der Auffassung in dem Objecte liegt, dessen Grundwesen, vermöge seiner Vielseitigkeit, sich der logischen Synthesis entziehet? In diesem Falle müßte man für immer verzweifeln, die Seele, die den Organismus des Judenthums beseelt und leitet, zu ermitteln. Allein ehe sich das Denken dieser Verzweiflung überläßt, müssen noch andere analytische Methoden versucht werden, vermöge derer man leichter in die verschlossenen Tiefen der judenthümlichen Grundidee zu dringen vermöchte. — Offen zu Tage liegt es, daß alle die Versuche, auf den Grundgedanken des Judenthums zu kommen, die wir so eben kurz analystrt haben, den einen Fehler theilen, daß sie nicht die To ta-lität des Judenthums ihrer Denkchätigkeit unterworfen haben, sondern daß sie immer bei einer Secte desselben stehen blieben, die Faktoren oft verkannten und die- Wirkung mit der Ursache nicht selten verwechselten. Die Totalität des Judenthums aber ist nur an seiner Geschichte erkennbar; in der Geschichte muß sich sein ganzes Wesen, die Summe seiner Kräfte erpliciren. - Jede lebenskräftige Idee muß sich eine gediegene Wirklichkeit schaffen, muß sich aus dem monotonen schlummernden Zustand der Idealität in die wechselvolle rege Welt der Realität hinauskeben. So ist die Geschichte nicht nur der Rester der Idee, sondern auch das Kriterion ihrer Probehaltigkeit. Denn eben die Idee im eminenten Sinne muß so viel Clasticität und innere Unverwüstlichkeit in sich wagen, daß sie nicht nur das Leben mit seinen Wechselgängen von Ebbe und Fluch zu ertragen, sondern es auch zu beherrschen und ihm chr Gepräge abzudrücken im Stande sei. Hat eine Idee sich zur Wirklichkeit gerungen, hat sie sich durch die mannigfaltigen Formationen der-Ge- 7*