Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 12 (Dezember 1845)
- Date
- 1845-12-01
- Page
- Seite 482 (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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482 Allgemeine theologische Bibliographie. Die meisten neueren Schriftsteller haben bei ihrer gewöhnlichen Vorliebe für auffallende Ereignisse die letztere Schatzung angenommen; und Llorente hat sie für einige wichtige Berechnungen in seiner Geschichte des Ketzergerichts zu Grunde gelegt. Bei Berücksichtigung aller Umstände dürfen wir wohl ohne großes Bedenken die mäßigere Schätzung als die richtigere annehmen]). Dies wird noch überdies durch das klare Zeugniß des Pfarrers von Los Palacios außer allem Zweifel gesetzt. Er berichtet, daß ein jüdischer Rabbiner, einer von den Verbannten, nachher nach Spanien zurückgekehrt ist, wo er von ihm getauft ward. Dieser, den Bernaldez wegen seiner Einsicht lobt, schätzt die ganze Anzahl seiner umgetauften Landsleute in den Staaten Ferdinand's und Jsabella's bei der Erlassung des Befehls auf 36,000 Familien. Eine andere jüdische zuverlässige Quelle, die der Pfarrer anführt, rechnet 35,000. Wenn man nun die Schatzung von Bernaldez annimmt und durchschnittlich 4| auf die Familie rechnet, so kommt die Gesammtsumme von ungefähr 160,000 Seelen heraus. Es ist einiger Grund vorauszusetzen, daß die wirkliche Anzahl, sowohl nach jüdischer als nach eastiliauischer Angabe, niedriger anzunehmen sei; denn jene mochte wohl übertrieben sein, um das Mitleid über das Unglück des Volkes zu erhöhen, diese, um den glorreichen Sieg des Kreuzes soviel als möglich zu vergrößern. Der Schaden, welchen der Staat erlitt, kann nicht so sehr nach Zahlenwerth bestimmt werden, als nach der Entziehung der handkünstlichen Geschicklichkeit, der Bildung und der allgemeinen Hülfsquellen einer ordnungsliebenden gewerbthätigen Bevölkerung. In dieser Beziehung war der Nachtheil unberechenbar größer als durch die bloße Anzahl der Verbannten; und wenn derselbe auch in einem Lande wieder nach und nach ausgeglichen werden konnte durch die freie und gedeihliche Entwickelung seiner Kräfte, so wirkten doch iü Spanien das Ketzergericht und andere Ursachen im folgenden Jahrhundert so nachtheilig dem entgegen, daß man den Verlust als unersetzlich betrachten muß. I) Aus einer merkwürdigen Urkundenden Archives of Simancas, bestehend in einem den spanischen Herrschern von ihrem Oberrechnungsführer Qukntanilla 1492 erstatteten Bericht, geht hervor, daß die Bevölkerung des Königreiches Castilien, ohne Granada, damals auf J,500,000 vecinos oder Hausväter geschätzt ward. (S. Mein, de la acad. de hist., apend. No 12). Indem wir nun 4£ auf eine Familie annehmen, würde die, ganze Bevölkerung 6,750,000 betragen haben. Aus der Angabe Bexnaldez' gehet hervor, daß das Königreich K aller im spanischen Königreiche lebenden Juden enthielt. Dieses Verhältnis würde, wenn man die ganze Anzahl auf 800,000 annimmt, in runder Zahl 670,000 oder 10 Procent der ganzen Bevölkerung des Königreichs geben. Nun ist es aber offenbar unwahrscheinlich, daß ein so großer Theil des ganzen Volkes, der uberdieß durch Reichthum und Kenntmß ausgezeichnet-war, hatte in politischer Hinsicht für so unbedeutend gehalten werden können, oder daß er sich so viele Jahre lang geduldig den höchst übermüthigen Beschimpfungen ohne Widdrstand preisgegeben hätte; oder endlich, daß die spanische Regierung eine so kühne Maßregel, wie die Verbannung einer zahlreichen und wichtigen Menschenclaffe gewagt haben wüOe, und dieß noch uberdieß mit augenscheinlich so geringer Vor- Dht, als etwa erforderlich gewesen Ware, einen Haufen räuberischer Zigeuner wt* dem Laude zu jagen. (Abarbanel gibt die Anzahl der Verbannten auf 300^000 an. Gegen die Gründe Prescott's ist hervorzuheben der fanatische Bolkshaß, in welchem die Regierung die mächtigste Stütze ihrer Maßregeln, und die Juden die Aussicht auf gänzliche Vernichtung bei etwaigem Widerstande erblickten. F.)