Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 10 (Oktober 1845)
- Date
- 1845-10-01
- Page
- Seite 391 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Sagen- und Legendenkunde re. 391 Endlich ergab sich fast nach Ablauf dieser Periode und auf einem anderen Schauplatz eine neue Phase der jüdischen Sagengeschkchte. Die Juden des deutsch-römischen Reiches, in finsterer Umgebung dem Lichte freier Forschung abgewendet, durch die Fessel des Zwanges und Druckes zu einem engern Rationalverkehr zusammengedrängt, für eine ganz selbstständige Sagenbildung zu gedrückt und unfrei, konnten nur an den alten um so heiligeren Ueberlieferungen sich halten, oder zu dem reichen Sagenstoffe der herrschenden Völkerschaften (namentlich der Deutschen) greifen. Auch hier bot das Christenthum manche dem Judenthume entnommene Tinte. Allein die größere nationale Abgeschlossenheit sträubte sich zuerst gegen das Eindringen der fremden Elemente überhaupt, insbesondere aber gegen eine äußerliche Gleichstellung der herabgesunkenen Gegenwart mit der blindverehrten Vergangenheit. Darum tritt die jüdische Sage im deutsch-römischen Reiche in ihrer Eigenthümlichkeit gerade in deutscher oder „jüdisch-deutscher" Sprache auf; und erst, nachdem hier Fremdes und Eigenthümliches verschmolzen, wird das unkenntliche Gemisch später auch auf den Boden der hebräischen Sprache übertragen*). Neberschauen wir nun die vielfach verschlungenen Wege, die der breite Strom der jüdischen Sage bis in die Gegenwart zurückgelegt, das Quellengebiet, das ihm seine Hellen oder trüben Wasser zugeführt, so dürfen wir den Wunsch nach einer speciellen jüdischen Sagengeschichte als wissenschaftliches Bedürfniß aussprechen. Die successive Berührung der Juden und des Judenthums mit den bedeutendsten Erscheinungen der Weltgeschichte verleiht diesem wie jedem Objecte der jüdischen Wissenschaft ein doppeltes Interesse, einen zweifachen Gesichtspunkt**). Einmal gilt es, das eigenthümlich Jüdische herauszufinden, die fremden Elemente erläuternd auszuscheiden; andererseits die auf jüdischem Boden gewonnenen Resultate für das Studium der betreffenden Gegenstände fruchtbar zu machen. Erst durch eine genaue Durchforschung der jüdischen Sagen und Legenden und ihre Vergleichung mit denen anderer Völker und Glaubensgenossenschaften wird es möglich sein, den wahren Ursprung des Einzelnen festzustellen. Es Maschal ha-kadmoni betrachten. »Eine Schilderung des ersteren habe ich in Busch's Jahrb. IV. versucht, die des anderen wird nächstens veröffentlicht werden. *) Vergl. Delitzsch zur Gesch. d. hebr. Poesie, S. 81, über jüdisch-deutsche Poesie. **) In Beziehung auf die neuhebraische Sprache habe ich dieß erörtert in einem Bortrag: Die sremdsprachl. Elemente im Neuhebr. u. s. w. Prag, 1-845.