Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 10 (Oktober 1845)
- Date
- 1845-10-01
- Page
- Seite 388 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2744856-2744869-2744880--0825-2745779- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
388 Zur Sagen- und Legendenkunde k. hat einen eigenthümlichen Charakter/ es ist kein bloßer Erguß der Empfindungen einer überschwellenden Brust, sondern auch erbauliche Betrachtung , Erinnerung und Wiederholung religiöser Wahrheiten, und nähert sich so der Haggada mit ihren oben geschilderten Elementen, darunter auch der Geschichte und Sage *). Gewiß sind manche historische Psalmen schon ursprünglich für den Tempeldienst verfaßt worden. Das Recitiren gewisser geschichtlicher (den Auszug aus Egypten berührender) Bibelstellen bildet den Mittelpunkt des Gebetes. Die heilige Schrift gebietet ja oft: „Erinnere dich u. s. w." „Erinnern und Beobachten" sind die Pole des Gottesdienstes. Und so nahm das tägliche Gebet schon früh historische Und sagenhafte Stoffe auf, ganze Abschnitte des Talmuds (z. B. Abot) werden in den Ritus ausgenommen und die oben erwähnte Oster-Haggada wird endlich zu einem Gebetbuch! Und auch hier gewahren wir eine ähnliche Entwickelung, wie bei der Haggada. An die typischen Grundlagen schließen sich allmälig Erweiterungen, Einschaltungen, weitere Ausführungen und selbstständig^ Stücke. Die Beziehungen auf Sage und Geschichte tretm mehr oder weniger hervor **), und zwar noch mehr als im täglichen Gebete in dem Cyklus (Machsor) für die auf historische Erinnerungen basirten Fest- und Fasttage u. s. w. Dem Lehrer der Halacha, dem Redner der Haggada tritt der Vorbeter (Ehasan) gegenüber in Benutzung und Verwendung des gesammten Sagenstoffes und selbst in allgemeiner Autorität ***). „Die schlichte Haggada war einst aus der öffentlichen Gottesverehrung hervorgegangen, die poetische kehrte dahin zurück" (Zunz). So sind denn auch die Gebetbücher der Juden für jüdische Sagenkunde wichtig und unentbehrlich! Doch gehören die meisten und wichtigsten Produkte dieser Literatur (Pijutim) einer späteren Periode an, deren wesentliche Züge wir anzudeuten haben. Die lebendige unmittelbar zeugende Thätigkeit des Midrasch und der Haggada in der bisher erwähnten Weise erlahmte allmälig und sank fast nur zurHandlangerarbeit des Sammelns und Ordnens herab. Unstreitig ist der vorzüglichste Grund in dem Umstand zu suchen, der über- *) Auch die Halacha ist Gegenstand der später« jüdischen Religionspoeste, s. Delitzsch zur Gesch. der hebr. Poesie, Dukes a. a. O- und dessen bibliographische Notiz im Ltbl. d. Orients 1843—44. **) Jüdische Gebete haben häufig Cvmmentare nöthig! ***) Siehe Mohr in der hebr. Zeitschr. Jerusalem I. S. 51 — 53, wozu nachzutragen: Tosefot Chagiga 12, a. M. Sara 17, a. Magen Abr. §. 451. Nota 6. — Im dogmatisch-philosophischen Gebiete beruft sich namentlich Arama häufig ans Pijutim.