Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 10 (Oktober 1845)
- Date
- 1845-10-01
- Page
- Seite 384 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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384 Zur Sagen- und Legendenkunde rc. des Gemüths, und ziert sich mit dem Schmuck der schaffenden Einbildungskraft, ist als solche ein bloß Gesagtes (Haggada), mag ihre Einkleidung die des einfachen Spruches, Sprichwortes, der Sentenz, Marime, der Fabel, Parabel und Erzählung sein. Für die Sage in unserem engern Sinne ist kein Term ausgebildet, denn sie fällt einerseits in der alten Anschauungsweise mit der Geschichte und Erzählung (Sippur, Masse) zusammen, andererseits konnte sie nicht so leicht zu einer selbstständigen Geltung gelängen; denn ihre Tendenz fiel mit der aller andern haggadischen Thätigkeir zusammen. Ein Gesagtes ist dieser ganze Stoff auch, insofern er durch Jahrhunderte nur im öffentlichen Vortrage, im Munde des Einzelnen sortlebte, bis er schriftlich niedergelegt und wieder zur Lectüre der später« Fortbildner ward. . Wir haben nun für unseren nächsten Zweck den in der Form der Sage oder Erzählung erscheinenden Theil der Haggada besonders im Auge zu behalten; obwohl das von diesem zu Bemerkende größtentheils vom Ganzen gilt. — Die erste nachbiblische Periode geistiger Produktivität ist natürlich diejenige, worin die biblische Sage in unserem Sinne, d. h. die Auslegung und Erweiterungen der biblischen Geschichte in der oben geschilderten Weise vorherrscht. Aber schon hier mußte absolut neuer Etzählungsstoffhinzutreten. Als bloße, und zwar die bequemste und schicklichste Einkleidung für jeden Gedankenstoff, für die Belehrung und Ermahnung, Unterhaltung und Anregung dürfte freilich nur äußerst wenig selbst erdichtet, desto mehr aber aus dem Kreise der jüngstvcrflossenen Tages-Geschichte, aus dem Leben des Volkes und Individuums verwendet worden sein. Und noch mehr Erzählungsstoff häufte sich ohne direkte Absicht und Wahl.. Es ist hier eine Eigenthümlichkeit der jüdischen Relationen hervorzuheben, welche in einer besonderen Pietät bei Anführung der Autoritäten für das Vernommene besteht (Abot 6, 6), und wohl mit der obenerwähnten Wichtigkeit des relotum rekoro in praktischen Dingen zusammenhangt. Die ältesten Aussprüche der Rabbinen sind nämlich von einer oft ziemlich langen Traditionskette der Referenten begleitet, deren Eicker im Namen des Andern berichtet. Hieran schließt sich leicht die Angabe der Begebenheiten, Veranlassungen und Umstände, unter welchen ein solcher Spruch, die Lehre, das Urtheil stattgefunden; und schon in der Mischna reiht sich nicht selten an die Diskussion oder Feststellung einer Materie als Beleg eine solche s. g. Geschichte (Maase). Ferner veranlaßt schon die Persönlichkeit des Verwandten, Lehrers u. s. w. Relationen, die der Sammler aus Pietät überhaupt oder aus besonderem Interesse an dem Individuum mit aufnimmt; und einer späteren Zeit erscheinen solche be-