Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 10 (Oktober 1845)
- Date
- 1845-10-01
- Page
- Seite 383 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Sagen- und Legendenkunde rc. 383 mit eine höhere Weihe, eine religiöse Beziehung, freilich nicht nach blindem Zufall und individueller Willkür, sondern nach der organischen Entwickelung der Gesammtheit, innerhalb natürlicher Grenzen, auf der Basis des national-religiösen Grundcharakters. Und so war endlich der Midrasch mit seinem freien Vortrag an die Stelle der verstummten Prophetenstimme getreten, war die Haggada im weitesten Sinne der Träger des Freiheits-Princips geworden. Und so oft der geistige Ertrag einer Epoche am Ende gesammelt'und in die bleibende Form der Schrift für die Zukunft niedergelegt ward, begann von Neuem diese erläuternde und erweiternde Thätigkeit immer selbstständiger und freier und so fort in einem langen Kreislauf zu einer Hauptepoche des Rabbinischus, die wir noch näher bezeichnen werden, wo eine wesentlich neue Richtung neben dieser bis in die Gegenwart nachklingenden sich geltend gemacht *). — Diese allgemeine Beobachtung gilt besonders für die Entwickelungsgeschichte der jüdischen Sage im engern Sinne, die uns nun näher zu beschäftigen hat. 'Die technische Bezeichnung eines Gegenstandes spiegelt oft nicht allein das Wesen, sondern auch die Geschichte desselben. Wir verstehen unter Sage die einzig im Munde sich fortpflanzende Erzählung, die bei späterer Aufzeichnung den Namen: Legende erhält, aus der sich erst die sichere Geschichte emporbildet. So weit unsere Literaturkunde reicht, hat sie diese natürliche Entstehung der Legende aus der Sage positiv bestätigt. Gewiß enthält auch der geschichtliche Inhalt der heiligen Schrift Elemente älterer Sagen, und doch muß sie nach ihrer Anlage und Tendenz, selbst vom rationalistischen Standpunkte aus, näher der Ges ch i ch t e als der Legende gestellt werden. Der strenggläubige -Rabbinismus benennt die Bibel als Ganzes durch: die Schrift (Katub) und die Lectüre (Kera, Mikra, also Iegenda im ursprünglichen Sinne). In ihr selbst unterscheidet er bloß den Pentateuch als das geschriebene Gesetz (Thora), und die mündliche Ueberlieferung (Kabbala), welche schon die Propheten und Hagiographen aufzuzeichnen begonnen. Die Fortbildung und Auslegung (Derusch), in welchem Verhältnisse schon spätere einzelne Bücher zu frühem stehen, theilt sich nach Abschluß der Bibel durch die zwei Hauptrichtungen und Grenzen. Sie ist entweder vom Gesetz und von der Sitte gebunden, soll daher auf Ueberlieferung beruhen, und dient zur strengen Regelung des äußeren Lebens (Halacha) oder ergeht sich freier im Gebiete des bloßen Gedankens, der subjectiven Anschauungsweise, versenkt sich in die Tiefen *) Zunz, got. Vortr. Cap. 3. 4. 49. 20.