Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 10 (Oktober 1845)
- Date
- 1845-10-01
- Page
- Seite 382 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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382 Zur Sagen- und Legendenkunde >c. raum fand, auf Unkosten des geschichtlichen Stoffes hervortreten lassen, z. B. in dem geschichtlich veranlaßten Sprichwort, der Fabel- und Parabel-Anwendung; sondern der jüdische Pragmatismus ward allzueinseitig auf eine Idee, die religiöse, hingedrängt, die ganze Nationalgeschichte ist ihm nur ein geoffenbarter geschichtlicher Beweis der waltenden Vorsehung, der Volkserwählung *). Die Quellenkritik (des modernen Geschichtsforschers) hat an dem göttlichen Worte seine Grenze und wird zur Ouellenerweiterung und Ausschmückung; aus derGeschichtsforschung und Darstellung wird zunächst die Sage, die Legende. Es gilt die Ausmalung der in großen Rahmen gegebenen Hauptbilder, die darum nicht selten bis zur Kleinmalerei fortgeht. Wie die jüdische Ge setz so rschung mit großem Aufwande von Scharfsinn und Witz die göttlichen Vorschriften in großen Umrissen bis in die einzelnsten, oft kaum denkbaren Fälle spaltet und feststellt (Casuistik, Halacha), so verfolgt die jüdische Geschichtsbetrachtung die gegebenen Daten bis zu der Grenze, wo die eigenen poetischen Schöpfungen der Sage (Haggada) ergänzend in den Vorgrund treten; beides erscheint als Forschung und Bibelauslegung (Derusch) im weitern Sinne, nach den beiden Seiten des Bibelinhalts. — Beides bietet eine Erscheinung dar, die für das unauslöschliche Gesetz der Freiheit im Menschengeist und seiner Entwickelung Beachtung verdient. Das einmal abgeschlossene und geheiligte Büch der Bücher bildet zunächst den anziehenden Mittelpunkt für die gesummte Geistesthätigkeit, sie erseht, so zu sagen, durch eine intellektuelle „Centralisation" die verlorene politische. Die heilige Schrift ist das Jerusalem, der Tempel des Herrn, dahin jeder Geist wallfahrtet, woher er Weihe und Lebensrichtung sich holt. Die Bibel ist das Panier, um das sich die Streiter des Herrn zum „Kampfe der Lehre" (min l-iv nr®rfea) schaaren. An ihr und auf ihr baut sich das nationale Element fort. Jede neue Culturform, jede neue Phase des Denkens und Betrachtens bedarf ihrer Stütze, ihrer Sanktion. Bibelauslegung (Midrasch) ist das Losungswort der jüdischen Geistesthätigkeit durch Jahrhunderte: „Wende sie um und um, denn Alles ist in ihr!" (Abot 5, 22). — Sollte man nicht glauben, daß hier jeder freien Entwickelung ein Hemmschuh angelegt, die Selbstständigkeit der Forschung aufgehoben, die Fortgestaltung desLebens an den todtenBuchstaben gekettet sei? Und doch zeigt sich gerade das Umgekehrte! Der erweiterte Gesichtskreis, der geschärfte Sinn, die Fülle des Gedankenstoffs erweiterte und verflüssigte den sonst starren Buchstaben; was das Leben forderte und bot, ward in die Schrift hineingetragen und erhielt so- *) Vrrgl. z. B. rabbinische Auffassung der geschichtlichen Einleitung des „Gesetzes" (Pentateuch) bei Nascht zu 1. M. 1,J.