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Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums · 1845-10-01 · 10 (Oktober 1845) · p. Seite 381

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Journal
Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
Volume
2 (1845)
Issue
10 (Oktober 1845)
Date
1845-10-01
Page
Seite 381 (sequence 15)
Language
German
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Zur Sagen- und Legendenkunde re. 381 gleitet sein will*). — Diese verschiedene Betrachtungsweise unterscheidet auch den Orient von Occident. Jene Wiege der Menschheit strahlt nur im Zauberglanze der Kindheit in ihrem eigenen Lichte, für jenen Schauplatz jugendlicher Menschheit taugt nicht unsere Gasbeleuchtung, für jene freien Steppen und Tristen der Wandervölker nicht unsere Eisenbahn.— Und so passen auch die wissenschaftlichen Begriffe unserer Schule nicht für die Kunde des Morgenlandes. Wir müssen aus den enggezogenen Schranken unserer Poetik treten, um die Poesie des Orients noch mehr zu genießen als zu erfassen; und Poesie bietet der ganze Orient, nur in eigenthümlichen Formen, in die sich auch der beschauende Geist erst zu gießen hat. Ohne Selbstentäußerung werden wirsiene Wundererscheinungen nimmermehr erschaüen. Wie Mittelasien der räumliche, so ist das jüdische Volk der geschichtliche Uebergang von Orient zu Occident und dadurch noch eigenthümlicher. In seiner geistigen Wurzel, der Religion, über Zeit und Raum vorragend, ringsumgeben von rohester Sinnlichkeit, den abstraktesten Gedanken der Gottheit als höchsten Seins erfassend und mit eiserner Strenge festhaltend und vertheidigend, trägt dieser Stamm außerdem den Stempel des Orients, die Gemüthfülle und Naivität, den Formenreichthum, die Spiele des Witzes und der Phantasie, mit einem Worte: seine Kindlichkeit, mit sich in ein schicksalschweres, erfahrungsreiches Alter, in die Zerstreuung bis an den äußersten Westen, welche seinen nationalen Typus zu einem einzig dastehenden Räthsel der Culturgeschichte macht. Das jüdische Volk aus den Formen und Gebilden seines Geistes kennen zu lernen, erfordert mehr als bloße Combination der Eigenthümlichkeiten des Osten und Westen. Schwer ist es, in dieß eigenstaltige Leben von außen einzudringen, nicht leicht, selber innerhalb desselben stehend, ein treues Diorama dem Zuschauer darzustellen, und immer werden auch die treuesten Bilder aus dem Judenthume — nicht einer trockenen Ueberschrift, sondern des erklärenden MalerS selber bedürfen — sowie die jüdische Poesie es nicht zur selbstverläugnerischen Form des Drama gebracht. — Die nie ganz verstummende Subjektivität ist das untrügliche Malerzeichen an jedem jüdischen Bilde. So hat der echt jüdische Geist gegen die Form der G esch i ch te im modernen Sinne sich gar lange gesträubt. Nicht bloß, wie der ihm verwandter Völker, z. B. der Araber, hat er in die Sinnlichkeit der geschichtlichen Erscheinung sich versenkt, sie mit seiner eigenen Phantasie ergänzt, und umgekehrt seinen Pragmatismus, wo er Spiel- *) Das jüdische Ritualgesetzbuch beginnt mit den Worten: „Der Mensch mache sich stark wie ein Löwe, aufznstehn des Morgens znm Dienste seines Herrn, daß er den Morgen erweckz." >

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