Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 9 (September 1845)
- Date
- 1845-09-01
- Page
- Seite 335 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Religiöser Ernst, die Grundbedingung des Reformirens k. 335 in guter versöhnlicher Absicht geschrieben und enthalten manches Gute und Beherzigenswerthe, das aber durch die Tendenz,, welche sich durch das Ganze zieht, durch die leichtfertige Art der Begründung, durch die kühnen, leichtsinnigen Reformvorschläge, die sich in diesen „Ansichten" aussprechen, seinen Credit verliert. Es wird unter dem Anscheine überzarter Humanität gerade die humanste Lehre, welche der Stolz des Judenthums, der Trost seiner Bekenner, ihr Sporn zum Edlen und Guten und zum geduldigen Ausharren in ihrem Glauben ist; es wird die Lehre von der Erwählung Israels zum Heile der ganzen Menschheit, die als Lebensnerv des Judenthums unsere Gebete durchdringt, als etwas Particularistisches in den Hintergrund gesetzt, und ihr Andenken soll aus den Gebeten möglichst getilgt werden; es soll durchaus nicht der Dank ausgesprochen werden, daß der Allweise gerade uns zu den Trägern seiner Wahrheit, zur Beförderung der rechten Gotteserkenntniß erwählt hat. Warum? Damit wir uns nicht stolz überheben? O daß ist, dächt' ich, unser Fehler nicht; wenn zu irgend einer Zeit, so wäre es in unserer recht heilsam, den rechten Stolz, der auf der Wahrheit und Humanität unserer Religion beruht und das Pflichtgefühl und die Glaubensfreude erhöhet, den Bekennern des Judenthums einzuflößen, und in ihnen ein edles Selbstgefühl zu wecken, das sie eben so hoch über die Verflachung der Zeit stelle, als es ihre Vorfahren über den Druck derselben erhob. Wenn die Reform Einzelnes ändert und aufhebt und zugleich das erhebende Gefühl für's Ganze herabdrückt, gereicht sie dann zur „Erhaltung des Judenthums"? Wenn aber schon dieses kein geringer Vorwurf der in den „Ansichten" dargestellten Reform ist, so müssen wir noch mehr die Schrift- und Traditions-Glauben beeinträchtigende Art der Motivirung als leichtsinnig abweisen. Mit welcher Leichtigkeit wird in wichtige, zum Theil biblisch begründete, das heilige Eheverhältniß betreffende Gebräuche eingegriffen! wie verletzend wird von manchem noch bestehenden religiösen Brauche gesprochen! Mit welcher. Kühnheit werden individuelle Ansichten und ihnen entsprechende Normen gegen die bisher üblichen geltend gemacht, und das inTrauungs- und Scheidungsangelegenheiten, ohne Rücksicht auf die daraus nothwendig entstehende Kluft zwischen Gemeinden und Familien! Es scheint fast, als sollte die Reform die neurabbinische Autorität auf Kosten der biblischen und talmudischen erheben, sowie sie überhaupt von hierarchischer Bestrebung nicht frei ist. Wir gehen an die Begründung unserer Behauptung, indem wir mehrere Punkte zur besondern Besprechung herausheben. Wir konnten im dritten Artikel, wo manches Empfehlenswerthe über Gestaltung des Cultus gesagt wird, uns nicht genug über die Naivität