Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 9 (September 1845)
- Date
- 1845-09-01
- Page
- Seite 331 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2744856-2744869-2744879--0765-2745718- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Religiöser Erust, die Grundbedingung des ReformirenS rc. 331 stürmern steht der Applaus des christlichen Publicums, die Stimmung der Zeit zur Seite; sie werden als die Helldenkenden, Aufgeklärten, auf der Höhe der Zeit Stehenden gepriesen, sie bahnen sich Wege zurEmancipation und zum freiem Lebensgenuß (wenn wir auch dieß eben nicht als ihre Triebfeder betrachten wollen): ihnen gegenüber stehen ihre schwachen Brüder, die Gewalt nicht anwenden können, noch möchten; diese lassen Spott und Geringschätzung über sich ergehen, schrecken nicht zurück vor den herrlichen Epitheten, mit denen sie beehrt werden, als: Dunkelmänner, Starre, Engherzige oder gar Heuchler, und harren treu aus in ihren religiösen Vorschriften entbehrend und entsagend, auf die Gefahr hin als uncivilistrt, ja unberechtigt zur Emancipation oder gelindeftens als in Widerspruch mit sich selbst und mit der Zeit verschrieen zu werden. Auf welcher Seite ist nun der Glaubensmuth, wenn davon die Rede sein soll? Oder fehlt es an Theilnahme beim jüdischen Publicum? Ist es der Reform überhaupt abgeneigt? Dem widerspricht die Thatsache, daß in vielen Gemeinden gerade von den konservativen Rabbinen Reformen friedlich durchgedmngen sind, für welche die radikalen, weil sie mehr wollten, als das religiöse Volksbewußtsein gestattet, kein Vertrauen zu gewinnen vermochten. Die besonnenen, von religiösem Ernste zeugenden Reformen werden von den Gemeinden bereitwillig ausgenommen, und führen sie in Einigkeit und Frieden gemessenen Schrittes vorwärts. Die Erfahrung lehrt, daß, wo der Rabbine jede Reform perhorrescirt, der Jndifferentismus, wo er durch Radical-Reform gerechte Opposition hervorruft, nur Zerfallenheit und Unfriede erzeugt werden, und selbst die Theilnahme seiner Anhänger sich mehr im Streite selbst als im Objecte desselben bekundet. Eine ruhige segensreiche Entwickelung des religiösen Lebens kann nur da gedeihen, wo die Reformen sich das Vertrauen der Gemeinde in Bezug auf ihre Tendenz und deren Billigung in der Art der Motivirung zu erwerben geeignet sind. Und hierin liegt der Grund, daß alle großem Reformversuche bisher scheitern mußten. Es fehlte der heilige, religiöse Ernst, der allein den wirklich treuen Anhängern des Glaubens Vertrauen einzuflößen im Stande ist. Wenn erst in der Tendenz der Reform die Devise der Rabbinen-Versammlung „Erhaltung und Fortbildung des Judenthums" zur Wahrheit wird, so daß die Fortbildung nicht einen Bruch, sondern eine Kette bildet und in derselben der Zweck der Erhaltung vorwaltet; wenn ferner in der Art zu reformiren sich der rechte Geist bewährt, der vorsichtig weiter baut, nur im Interesse des Glaubens nothgedrungen abträgt, und die Stützen des Gebäudes zu erschüttern sich ängstlich hütet: dann werden auch die Gemeinden sich gern mit der Reform befreunden. 25*