Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 6 (Juni 1845)
- Date
- 1845-06-01
- Page
- Seite 215 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Anforderungen des Glaubens n\ *215 daß er gleichsam mit einem Zauberstäbchen den Glaubensfelsen sprenge und der Gemeinde aus demselben statt des Feuergeistes der Religion Wasser für ihren Durst schlage, das in Fluchen über das Wort der Schrift spülend es hinwegschwemme und in zeitgemäße religiöse Dämpfe verwandele: so vergessen sie, daß der Rabbine eben das Wort der Schrift als göttliches anzunehmen und als Grundlage für den Geist derselben zu betrachten verpflichtet ist; daß er den Geist der Schrift nicht, von einer subjektiven Ansicht bestochen, willkürlich auffaffen und mit dem Worte-beliebig umspringen darf. Aber ebenso ungerecht wäre es, wollte man den Rabbinen zum starren Stillstand verdammen und ihm auch da keine Freiheit gewähren, wo sie mit dem treuen Glauben an Schrift und Tradition bestehen kann. — So schwankend und unsicher aber die Forderungen an den Rabbinen in Bezug auf Glauben, so sonderbar und abenteuerlich sind oft die Vorstellungen von den erforderlichen Fähigkeiten desselben. Seitdem nämlich die ausgebreitete Talmudkenntniß nicht nur aufgehört hat alleiniges Requisit eines Rabbinen zu sein, sondern sogar gegen anderartige Forderungen immer mehr in den Hintergrund trat, also der alte Maßstab für die Befähigung eines Rabbinen genommen und ein neuer noch nicht gegeben war, überhaupt über den Wirkungskreis eines Rabbinen verworrene Begriffe herrschten, legte man je nach der geltenden Mode der Zeit den Maßstab an dessen Tüchtigkeit. So hatten die Rabbinen eine rhetorische Periode, eine voc-tor-Periode, und haben wir gegenwärtig zwar manche wissenschaftliche Rabbinen, aber mehr als die Wissenschaft giebt das Resormatorwesen den Ausschlag; daher auch hier und da reformatorische Anmaßung der jüdisch-wissenschaftlichen Gelehrsamkeit den Rang «bläust. Wir hoffen, daß nach der jetzigen Reformatorenperiode, wenn erst die Geister sich beruhigt und den Wirbel überstanden haben werden, durch die wirklich wissenschaftlich gebildeten Rabbinen der rechte Maßstab für die Anforderungen allgemein werden wird. Zu dieser Hoffnung berechtigt uns der gewöhnliche Entwickelungsgang, der sich bei eindringenden neuen Elementen zeigt und den auch das neue Rabbinerthum angenommen hat. Es läßt sich nämlich vorerst von dem Neuen beherrschen und fast ganz absorbiren, bis es von dem Schwindel befreit, die neuen Elemente verdaut und in das rechte Verhältniß zu seinem innersten Wesen zu bringen versucht hat. Als die Juden anfingen sich so zu sagen zu germanisiren, war ihr Eintritt in das Deutschthum mehr formell als materiell. Sie breiteten sich mehr in deutscher Rede aus, als sie sich in deutsche Wissenschaft vertieften; Schönrednerei verbunden mit einigem Anstrich von der Philoso-