Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 6 (Juni 1845)
- Date
- 1845-06-01
- Page
- Seite 206 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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206 Die amtliche Stellung des Rabbinen rc. schen Bücher des Christenthums originaliter verfaßt sind) erlauben wolle, und an vr. Martin Luther, der den Aristoteles einen „Lügner undBubeN," einen „Erzstultum," einen „müßigen Esel, der Geld und Gut und gute faule Tage gehabt," einen „listigen Dialektikum," einen „unsaubern, elenden Menschen" nennt*). Darin wird uns Jeder, der mit unbefangenem Blicke die Blätter der Vergangenheit des Judenthums befragt, beistimmen, daß eine Verfinsterung der Zeit mit selbstbewußter Absicht von den Rabbinen nicht ausgegangen. Man wird auch einsehen, daß es uns hier am wenigsten darum zu thun ist, eine Apologie des gewesenen Rabbinerthums zu schreiben, aber nur das wollen wir anerkannt wissen, daß ihre Fehler Fehler ihrer Zeit überhaupt,' also nicht ihnen allein, nicht ihrem Stande zuzuschreiben seien. Eine andere Gestaltung erhalt die Sache seit dem Anfänge der neuen Epoche des Judenthums, die sich von Mendelssohn herdatirt. Die Juden immer mehr zum bürgerlichen Leben herangezogen, fingen an, in ihnen unbekannte Kreise des Daseins einzugehen; ihre Begriffswelt vergrößerte sich täglich, ihre religiösen Anschauungen erlitten mit ihnen sehr wesentliche Aenderungen. Jndeß war die Wirkung der neuen Erkenntniß nach so langen Jahren der Verfinsterung diejenige, die sie naturgemäß bei jeder plötzlichen Reaktion ist; sie war bloß negirend. Grade wie Menschen, die ihre ganze Jugend hindurch bloß dem Talmud gewidmet, mit dem ersten unsichern Blick in die Wissenschaft ihren höchsten Ruhm in der Zertrümmerung der früheren Heiligthümer suchen, so erblickte man auch damals im Umwerfen des Bestehenden allein das Ziel der Bestrebungen; an eine innere Reform des jüdischen Lebens dachten nur Wenige. Zudem war die neu einschreitende Bildung der Generation, welchedas Edikt von 1812 erlebte, eine zu äußerliche geblieben, als daß sie alle Richtungen ihres Geistes hätte durchdringen können, und am wenigsten durchdrungen wurde grade die religiöse. Je nach den Einflüssen, die Erziehung und andere Lebensverhältnisse auf den Menschen üben, wurden bei dem Einen alle religiösen Beschauungen zerstört; bei dem Andern blieb dieses Bewußtsein in einem besonder» Winkel des Geistes verschlossen und je mehr man das heilige Gut schätzte und achtete, desto mehr glaubte man, es vor den Einflüssen einerneuen Bildung verwahren zu müssen, da deren auflösende und zerstörende Macht an uns in zu vielen Beispielen sich kenntlich machte. Daß zU der letzten Klasse dieRabbinen gehörten, ist an sich klar; eben so aber, daß ihre Lebensanschauungen denen ihrer Glaubensbrüder immer mehr entfremdet, daher die Stellung des Rabbinen immer bedeutungsloser wurde; daher die auffallende Erscheinung, daß so viele Gemeinden zur * Theodor Mundt: Zur Unlversitatsfrage. Berlin 1844. S. 47. 33.