Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 5 (Mai 1845)
- Date
- 1845-05-01
- Page
- Seite 196 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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136 Tagesbegebenheiten. ethnographischen Gebiete*. Nicht ganz ohne Interesse ist die Erzählung von einem Besuche, den die Misstonaire Stern und Sternschuß im Oktober vorigen Jahres von Bagdad aus bei den Karaern zu Hied (tteeä) gemacht haben. Wir lassen Herrn Stern selbst sprechen**: „Am 10. Oktober besuchten Herr Sternschuß und ich Hied, wo, wie wir hörten, einige Karäer wohnten. Wir traten in den Laden eines Goldarbeiters aus dieser Secte, um uns nach ihrem Oberhaupte zu erkundigen. Er brachte uns zu Rabbi Jsaac, welcher sich sogleich aufmachte und uns nach der Synagoge führte, wohin uns mehre Männer und Frauen folgten. Wir fingen sogleich an, uns über den Unterschied, der zwischen dem Glauben der Rabbinen und der Karäer herrscht, zu unterreden, und Rabbi Jsaac behauptete, seine Religionsgenoffen glauben an Moses und die Propheten, verwerfen aber die Schriften derer, welche bloß Menschen sind***. Wir sagten ihm, wenn sie an Moses und die Propheten glauben, müßten sie auch an Christus glauben, da ja erstere von ihm geschrieben hätten. Man ließ uns sprechen, und lächelte nur ohne weitere Antwort. Wir boten dem Rabbi Jsaac ein Neues Testament an, aber er schlug die Annahme aus. Er bemerkte hierbei, die Juden in Bagdad hätten gesucht, sie zur.Annahme zweier Eremplare der Mischna zu bewegen, allein'sie hätten sie nicht angenommen. Mehre ihrer Bücher lagen Haufenweise in der Synagoge, und von dem Aeußeren zu schließen, scheinen sie sehr alt zu sein. Es waren hebräische Bibeln in dem schön- * Preußen und besonders Berlin behaupten einen ausgedehnten Raum in dieser Zeitschrift. Der Chef der englischen Mission, Dr. M' Caul, kam selber vergangenen Sommer nach dein Kontinent, um persönlich alle Hindernisse wegzuraumen, die in Preußen und Polen der Thatigkeit der Bekehrer noch entgegenstehen, und er rühmt sehr die huldreiche Behandlung, deren er sich von Seiten des Königs von Preußen und von Seiten des Fürsten Paskewitsch zu erfreuen hatte. In Berlin würde ihm Alles bewilligt, in Warschau eine genaue Prüfung des Gegenstandes zugesagt. Vr. M'Caul rühmt Berlin als das Eldorado der Missionakre; doch soll nicht Gold dort geholt werden, sondern die Gesellschaft soll, wie M' Caul verlangt, welches dahin schicken, damit die schwankende Neigung der Uebertretenden gestärkt werde! Aus allen Berichten geht hervor, wie preisgegeben und im Zustande der Schutz- und Rechtlosigkeit die jüdische Religion in den muhammedankschen und protestantischen Ländern sich den Versuchungen der Apostasie gegenüber befindet. Seit einem halben Jahre ist auch ein Agent der schottischen Mission in Berlin, wahrend die englische ihrem Agenten noch einen Gehülfen beigesellte. ** Januarheft 1845, Seite 16 ff. *** D. heißt die Talmudisten von der Mischna an, welche die heilige Schrift nach den Ansichten ihrer Zeit und nach der Tradition ausgelegt haben. Man verwechsele ja die Karaer-Lehre nicht mit den Lehren der jüdischen Reformer unserer Zeit, welche letztere auch der Bibel den Gehorsam aufkündigen, indem sie sich den Rabbinen der Mischna und der Gemara gleichstellen, um wie diese Gebot und Verbot zu modistciren.