Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 2 (Februar 1845)
- Date
- 1845-02-01
- Page
- Seite 66 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Allgemeine theologische Bibliographie. wesen sein. — Auch in der Handhabung des Tertes ist der Vers, nicht sehr glücklich. Es liegt unstreitig für jeden Hörer, und besonders für den jüdischen, ein ungemeiner Reiz in einer geistreichen Abwickelung und Entfaltung des Tertes: und sollte kein Redner verschmähen, dem Terte, wo es nur immer angehet, eine neue Seite abzugewinnen, seinen Ausdruck abzuwagen, aus ihm selbst die Eintheilung ableiten oder ihn auf die Gegenwart übertragen, daß sie sich Ln ihm geschildert finde. Die Predigt wird vielleicht sich hierdurch der Homilie nähern, aber wir erblicken hierin keinen Nachtheil: es wollen selbst viele ausgezeichnete christliche Kanzelredner, daß man zu der Homilie zurückkehre, da die Predigt mit ihrer geschlossenen, bei einem Begriffe verweilenden und ihn bis zur Langeweile breitschlagenden Rhetorik wohl ein Kunstproduct, aber häufig zu wenig Wesentliches und Nachhaltendes bietet. Für den Juden, der nach der Lebhaftigkeit seines Geistes das. Frappante liebt, und von früher an geistreiche Erklärungen gewöhnt ist, muß die Predigt manches Unbefriedigende haben: und sollten daher unsere Rabbinen und Redner mehr das Characteristische der jüdischen Homiletik berücksichtigen und sich nicht die christliche Predigt allein zum Muster nehmen. Auch an dieser Klippe ist der Vers, gescheitert: seine Reden sind an Form und Gehalt christliche Predigten; das eigentliche jüdische Moment, (wir meinen hier nicht in religiöser, sondern in homiletischer Hinsicht) fehlt ihnen; man vermißt den Geistesfunken, die überraschende Deutung, die schlagende Entwickelung; er benutzt und führt zwar an die Aussprüche der Lehrer (vergl. Vorwort S. VIII.), aber sie hätten noch in anderer Weise angeführt und benutzt werden sollen. — Hierdurch würde wahrscheinlich der Verf. auch vor einem andern Fehlgriffe-bewahrt worden sein: seine Predigten hätten an Mannigfaltigkeit gewonnen, statt daß sie jetzt größtentheils alle über „einen Leisten" geschlagen sinv. Bei zehn Predigten, die als Auswahl angenommen werden dürfen, war zu erwarten, daß einige sich durch Originalität, daß sie sich unter einander durch Verschiedenheit der Auffassung und Behandlung des gegebenen Stoffes auszeichnen werden. — Doch wir finden für-diese und andere Erscheinungen einigen Aufschluß in der Stellung des Verf., der, wie aus der Vorrede zu ersehen ist, bittere Erfahrungen gemacht, und es klingt durch diese Vorträge selbst mancher Schmerzensruf durch, der den Leser mit Wehmuth über die Lage des wackeren Mannes erfüllt. Wir stehen zu fern vom Kampfplatze, um ein Urtheil darüber zu fällen, wer zu den gegenwärtigen Rabbinerwirren in Baiern die erste Veranlassung gegeben; nur dieses erkenyen wir, das Herr Dr. Grünbaüm zu den redlichsten und wohlmeinendsten Rabbinen gehört, dem von allen Parteien Achtung gezollt werden muß. F.