Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 2 (Februar 1845)
- Date
- 1845-02-01
- Page
- Seite 57 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Betrachtungen über die gegenwärtigen Wirren im Iudenthume. 57 vermuthlicher Verfasser einer mit der hergebrachten Auffassung zuweilen dissentirenden Gutachtensammluug verketzert wurde), Jeitteles in Prag und wenigen Anderen , noch schwach fortglimmte, ward nun von einem großen deutschen Staate zuerst wieder angefacht, indem von demselben das Studium der humanistischen und philosophischen Wissenschaften nicht nur den Rabbinen als Bedingung zur Anstellung, sondern auch die Zulassung zum Talmudstudium überhaupt davon abhängig gemacht wurde. Andere Staaten folgten; die allgemeine Stimme, erst zögernd, spater aber das Bedürfniß zu sehr empfindend, ergänzte da, wo die Regierungen es auch nicht geradehin vorgeschrieben, oder sich um die Rabbinen gar nicht kümmerten; so wurde denn bald nicht nur ein großer Theil der Rabbinenstühle in Deutschland von Jüngern der Wissenschaft besetzt, sondern auch viele — selbst bejahrtere — der jüdischen Theologie beflissene Männer fingen an, aus freiem Antriebe der wissenschaftlichen Forschung sich hinzugeben, so daß jetzt, nach kaum 3 Decennien, selbst die gründlichste Kenntniß im Talmud, ohne gleichmäßige allgemeine wissenschaftliche Bildung, bei der jüngeren Generation nicht mehr den vollbürtigen Theologen macht. Manche tiefer eingreifende religiöse Fragen, die sich Jeder bisher auf seine eigene Weise zu beantworten gesucht hatte, von den Rabbinen nach ihrem bisherigen Standpunkte eine den höheren Anforderungen wissenschaftlicher Durchbildung entsprechende Lösung nicht erwartend, wurden nunmehr vor das Forum der sogenannten „studirten Rabbinen" gebracht. — Wie man in der Doktrin die „ profane Wissenschaft" mit „Kenntniß der heiligen Lehre" in einer Person vereinigt sah, so wähnte man auch, daß aller Zwiespalt zwischen der alten orthodoren und der in neuerer Zeit sich geltend gemachten Praris sogleich schwinden müsse. „Die neuen (d. h. wissenschaftlich gebildeten) Rabbinen sind das Medium, das Bindeband zwischen Altem und Neuem; ihnen liegt es ob, uns jetzt eine Richtschnur zu ertheilen, wie wir leben, wie wir auf gleiche Weise den Vorschriften der Religion, den Pflichten gegen den Staat und den Bedürfnissen der Neuzeit zu genügen im Stande sind! " So riefen und rufen Stimmen aus der Menge; in unklarer Oberflächlichkeit nicht begreifend, wie viel Zeit- und Geistesaufwand erforderlich sei, ehe zwei so lang geschiedene, nach der Anschauung vieler Jahrhunderte bei allen Völkern schroff entgegengestandene Elemente, wie Religion (Göttliches) und Leben (Weltliches), wenn auch doktrinell einander näher gebracht, in der Praris zu einem organischen Ganzen verwachsen können! — Die wissenschaftliche Erhebung der Rabbinen war aus dem Gründe angeregt und befördert worden, um auf dem Gebiete der Religion und Theologie selbst größere Klarheit und Selbstverdeutlichung Frankel, Zeitschrift II. 5