Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 2 (Februar 1845)
- Date
- 1845-02-01
- Page
- Seite 55 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Betrachtungen über die gegenwärtigen Wirren im Jndenthume. 55 größerer oder geringerer Klarheit ab. Es laßt sich dieser Dualismus, der, wie oben angedeutet, in dem subjektiven Standpunkte, dem Gemüthszustande und Bildungsgänge der Lehrer eine Steigerung fand, durch alle rabbinische Zeitalter verfolgen; er beginnt schon in leisem Anfluge in den ältesten Sprüchen der Väter, wird zu offnerer Spaltung in den Differenzpunkten der Schulen Sammai's undHillel's, und bekundete sich dann bei den in der Mischna und Gemara austretenden Lehrern, den rabbinischen Schriftstellern der geonäischen, ^arabisch-spanischen, französischen, italienischen, polnischen Periode bis gegen Ende des 18ten Jahrhunderts, wo die weitere reinrabbinische Entwickelung des Judenthums stehen blieb. — Die Grenzen des gegenwärtigen Aufsatzes würde es überschreiten, wollten wir diese bloß im Umriß angedeutete Wahrnehmung hier ausführlicher aus den betreffenden Stellen Nachweisen; wir können bloß eine kurze Erläuterung hinzufügen, um uns deutlicher zu machen. — Die Erneuerung der alten mosaischen Institutionen auf zeitgemäßer Basis in der Periode des zweiten Tempels erforderte einerseits Abstraktion vondembuchstäblichenSinne mancher alten Verheißungen und Einrichtungen, um sie den neuen Ideen und Verhältnissen mehr anzupassen. So nahmen viele Aussprüche der h. Schrift jetzt eine allgemeinere, tiefsittliche, Ewigkeit und ewige Fortdauer in sich schließende Deutung an (z. B. 5. Mos. 11, 21.; vgl. Sifri zu dieser Stelle), allerlei Rechts- und Ritualbestimmungen erhielten eine lenksamere Auslegung und Ausführung; wir erinnern nur an die Feststellung des bürgerlichen Neujahrs aufden ersten des.Monats Tischri und an so manches Andere. Diese Abziehung vom alten konkreten Buchstaben dokumentirte sich folgerichtig theoretisch durch größere Annäherung zum Cosmopolitismus, zur Idee einer Verbrüderung allerMenschen undVölkerschasten, und die im Talmud und bei den Rabbinen im Sinne des wahren Humanismus sich häufig vorfindenden Lehren und Vorschriften entspringen jener wohlthätigen warmen Quelle. Praktisch äußerte sich diese Auffassung, durch mildere Handhabung der^bestehenden Observanzen und nachsichtigere Beurtheilung ihrer Uebertreter; sie entfremdete sich nicht —und in schweren Zeiten wenigstens nichtgänzlich — der wissenschaftlichen Forschung; behielt die wechselnden Verhältnisse der Zeit und der Menschen stets im Auge, strebte daher die einzelnen Religionsgebote möglichst zu vereinfachen und deren Ausübung zu erleichtern. — Das andere Erforderniß jener restaurirenden Thätigkekt aber war die Reflexion, die Anschauung und genaue Erwägung des Einzelnen in den alten, wieder herzustellenden Einrichtungen. Um hier manches schwache und baufällige Element zu erhalten, war theils Einsetzung neuer Bausteine, theils die Austichtung fester Umzäunungen