Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 2 (Februar 1845)
- Date
- 1845-02-01
- Page
- Seite 50 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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50 Betrachtungen über die gegenwärtigen Wirren im Judenthume. ausweisen des Transzendenten aus dem Gebiete der Forschung, durch tief-ernste — wiewohl kritische —Erwägung der in der heiligen Schrift ausgesprochenen Wahrheiten bedeutendere Anknüpfungspunkte mit der bestehenden Religion bot, die sich zu einer Brücke wölbten, von deren Höhe herab besonnene und denkende Freunde der Menschheit eine Ausgleichung zwischen Religion und Vernunft, eine Versöhnung zwischen dem seit Jahrtausenden bestehenden, in Unzähliger Brust tiefwurzelnden Glauben und der gereiften Ueberzeugung der Gegenwart zu erschauen hofften. Das Christenthum nannte diese gewonnene Ansicht und die aus ihr hervorgehenden Bestrebungen „Rationalismus." Im Judenthume, dessen Grundlehren an sich den Resultaten der forschenden Vernunft (ratio) nicht entgegenstehen, konnte jene Bezeichnung zwar nicht Platz greifen; die gleiche Richtung, die sich aber auch hier kundthat und die sich vornehmlich auf Verbreitung richtigerer Einsicht in die Religionsquellen und Erweiterung der Erkenntniß überhaupt erstreckte, stellte sich als Streben nach „Aufklärung" dar, und ward meist mit diesem Epitheton belegt. Theoretisch wirkten hier die mit diesen Ideen erfüllten Geister dahin, die heil. Schrift selbst und ihre lauteren Wahrheiten dem Volke, durch verbesserte Uebersetzungen und faßliche Commentare, sowie durch vermehrte Rücksicht auf die Grammatik der hebräischen Sprache beim Unterrichte, zugänglicher zu machen, verfertigten auch angemessene deutsche Uebertragungen der üblichen hebräischen Gebete, Sammlungen biblischer Sittensprüche u.dergl., die allmälich den eigentlichen Religionslehrbüchern für die Jugend — die später erschienen — den Weg bahnten; praktisch gab. man durch Lehren, Gespräche oder eigenes Beispiel mehr oder minder zu erkennen, daß manche bisher streng beobachtete Gebräuche und Ritualien nicht die Wichtigkeit hätten, welche man ihnen beilege, daß (welches übrigens von den Lehrern des Judenthums nie und zu keiner Zeit bestritten worden war) Werkheiligkeit ohne wahre Tugend und Gottesfurcht keinen Werth habe, ja daß der wahrhaft sittliche Mensch sich über viele Religionsgebräuche und Ritualgebote wohl auch ganz hinwegsetzen möge. Obwohl man letztere Behauptung auf verschiedene Aussprüche in der Bibel, im Talmud und in den rabbinischen Schriften des Mittelalters zu gründen vorgab, trat man doch nicht so klar und unumwunden damit heraus, daß ein eignes zur Nachachtung und Regulirung des Volkslebens in religiösen Dingen bestimmtes System daraus zu entnehmen gewesen wäre. Doch verschaffte sich diese, wenn auch nur indirekt verbreitete Lehre großen Eingang: theils der Materialismus der Zeit, theils die veränderten sozialen Verhältnisse, wodurch allerdings manche Ritualgebote sich jetzt weit hinderlicher und erschwerender darstellten als früher, theils aber auch