Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 2 (Februar 1845)
- Date
- 1845-02-01
- Page
- Seite 46 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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46 Die Messiasidce rcmitische Sündenfall ist nicht die Idee eines Abfalls vom Göttlichen und einer stätig fortschreitenden Verfinsterung in der Sinnlichkeit, sondern nur die eines ungehorsamen Sohnes, der das warnende Gebot des Vaters überschreitet. Eine sinnliche Genußsucht, eine Lüsternheit, die zur Uebertretung eines göttlichen Gebotes ausschlug, hat doch gar keine Aehnlichkeit mit der Vorstellung einer natürlichen, einer physisch-organi- -schen, allmaligen Verschlechterung, wie sie uns Ovid im ersten Buche der Metamorphosen schilderte. Man sieht vielmehr hier klar ein, wie das Heidenthum seinen Gedanken eines Sündenfalls, seine kosmogonische Lehre von dem Weltursprunge aus der göttlichen Idee, auch auf den Ursprung und die Geschichte unseres Geschlechtes ausdehnen und anwenden wollte. Wie die ganze sichtbare Welt ein Product des Abfalls von Gott ist, so ist auch die Menschheit eine kosmologische Verfinsterung aus einem Urlichte. Und nicht nur das Menschengeschick ist in diesem Ausdrucke auf die heidnische Grunddenkweise zurückzuführen, sondern auch ihre Theorie von einem Abfalle der Geister überhaupt, und ihre mannichfachen Vorstellungen von einem Zwischenreiche von Geistern, gefallenen und im Lichte verbliebenen. Wir finden abermals hier einen Mythenkreis, ein System von Vorstellungen, die in naher Verwandtschaft zu einander stehen, und mit einander einen organischen Cyklus darstellen, weil sie sich insgesammt aus einem Hauptgedanken herleiten, nämlich dem, daß die Welt nicht ein Werk, sondern eine Offenbarung, eine Manifestation des Verborgenen, eine Entäußerung der Herrlichkeit Gottes sei. Zum Grunde liegt mithin dem Cyklus von Anschauungen das Princip einer physischorganischen Weltentwickelung nach innerer, ewiger, unveränderlicher Gesetzmäßigkeit. Wir wissen aber, daß diese Anschauungen des Heidenthums einen schroffen Gegensatz zu denen der Offenbarungslehre bilden, die in ihrem ersten Grundsätze von der Weltschöpfung sowohl, als auch in allen consecutiven Vorstellungen und bildlichen Auffassungen genau das Gegentheil von dem lehrt, was das Heidenthum behauptet. Wie diesem die Welt die Einkerkerung und Verschlackung der Gottheit ist, so der leibliche Mensch die Einkerkerung und Verschlackung des Menschengeistes. — Aus dieser Prämisse folgt dann naturgemäß auch die adäquate heidnische Ausgleichungs-, oder Versöhnungs-, die Opferlehre, welche im A. T. nur als ein heterogenes Element (der Halsstarrigkeit des Volkes halber — daß sie nicht den Waldteufeln opfern), eingeschoben ist. Das consequente Judenthum in den Propheten verwirft die Opfer, die auf eine heidnische Cardinallehre von der Weltschöpfung zurückführen, die mit der Offenbarungslehre in Opposition tritt, und dem Offenbarungsglauben widerstreitet.