Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 2 (1845)
- Issue
- 1 (Januar 1845)
- Date
- 1845-01-01
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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10 Die Symptome der Zelt. der herrschenden Tagesrichtung hin. Als in dem letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts die encyclopädische Frivolität sich in den gebildeten Ständen Bahn gebrochen, jü>es heilige Gefühl von den Pfeilen des Spottes getroffen wurde, und man die Waffen des Witzes für unwiderstehbar ansah, da waren es viele Aufgeklärte unter den deutschen Juden, die dieser Richtung huldigten. Die sich nach Mendelsohn, nennende Schule — der edle Meister selbst stand auf einem höhern, wenn auch in sich nicht genugsam begründeten Standpunkte — war von diesem Gifte inficirt: die Monumente, in denen sie sich zu verewigen gedachte, waren Witz, glänzende Wortspiele und ein ungemein flaches Rationalisiren, und nach ihrem Beispiele sah jeder Halbgebildete mit Verachtung auf das Judenthum herab, gehörte diese Verachtung mit zur Bildung und Vornehmheit. Eine ähnliche einseitige Einwirkung übte der kritische Rationalismus des Königsberger Weltweisen auf den deutschen Juden: keine Glut, keine Warme für feinen Glauben blieb in ihm zurück, da war Alles bis auf den letzten Funken erloschen, und ging man über den kalten Formalismus, der die erstarrendste Gleichgültigkeit erzeugte, nicht hinaus. In neuester Zeit erliegt wieder der deutsche Jude dem Einflüsse der Schule, die ihren Faden aus sich herausspinnt, und mit erhabenem Uebermuthe auf alle früheren Erscheinungen herabblickt, die ihr Manifestationen des Weltgeistes sind, ihre Berechtigung in ihrer historischen Nothwendigkeit haben, aber dieser Weltgeist kommt erst jetzt zum eigentlichen Bewußtsein, und wird ihm erstjetztder Aufschluß übersein Wollen und seine Absolutheit. So ist der deutsche Jude in allen diesen Phasen nur passiv geblieben und wurde stets überwältigt; die Activität des Glaubens, die Selbstständigkeit sich über die Tagesphilosophie durch den Glauben zu erheben, gehet ihm ab. Und man muß mit Bedauern gestehen, daß es nicht sowohl an Kraft als an Muth hierzu gebricht; der deutsche Jude scheut nichts mehr, als nicht für aufgeklärt zu gelten, der Vorwurf, er sei nicht mit der Zeit fortgeschritten, ist bei ihm von überaus nachhaltigem Gewichte. Im Geiste der jetzt geltenden philosophischen Theorie wird an die Reform gegangen, und dieses nennt man den Fortschritt im Judenthume! Man entziehet ihm von vorn herein seinen Boden, erklärt es für eine Erscheinung in seiner Zeit, dem also seine eigentliche Positivität fehlte: und man gibt vor im Judenthume zu verbessern! Und hierbei wähnt Mancher den Stein der Weisen gefunden'zu haben, wenn er das Judenthum in der materiellsten Weise auffaßt, demselben den Glauben an die Körperlichkeit Gottes unterschiebt, die Anthropomorphien als im eigentlichen Sinne genommen erklärt, und dann von einer Verbesserung des Judenthums spricht, und sich zu dessen Reformator berufen glaubt.