Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 9 (Dezember 1844)
- Date
- 1844-12-01
- Page
- Seite 332 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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332 Reformbestrebungen und Emancipatkon. als Despot seines Gottbegriffes, seines Glaubens, seiner Hoffnungen, seiner Wünsche und der geheimsten Regungen seines Herzens betrachtet wird; nach welchen ein jüdischer Professionist wenn er am Sabbath ruhete eine Staatspflicht verletzte, weil er den Mitbürgem seine Thätigkeit entziehet; nach welchem aber überhaupt Niemand von seiner Arbeit einen Tag zu feiern sich vergönnen dürfte, ohne vom Staate die besondere Erlaubniff erhalten zu haben. Die Juden wollen Staatsbürger und nicht Staatsknechte sein. Sie wollen ihre individuelle Freiheit, ihre religiösen Ansichten und Gebräuche nicht vom Staate absorbiren lassen. Die Confession hat dem Staate keine Rechenschaft abzulegen als die, daß ihre Lehren nichts dem Vaterlande Feindliches, und ihre Gebräuche nichts Pflichtwidriges enthalten, ob aber aus denselben für ihre Bekenner Differenzen entstehen, ist nicht die Sorge des Staates. Er ist so wenig wie die Rabbinen verpflichtet noch berechtigt uns Erleichterungen oder Erschwerungen aufzudringen, die unserer freien Ueberzeugung und der Begründung von Seiten der jüdischen Religionswissenschaft allein Vorbehalten bleiben müssen. Vertrüge unsere Confession sich wirklich nicht mit der Unterthanenpflicht, so dürfte sie im Staate gar nicht geduldet werden; ist dies aber nicht der Fall, so ist kein Grund vorhanden, ihre Bekenner andern Confessionsgenossen nachzusetzen. Und in der That wurde in keinem Staate wo die Juden emancipirt sind nach ihren Dogmen und Gebräuchen geftagt, und legten die Franzosen ihnen nur die Fragen vor, aus deren Bejahung sich ergab, das ihre Confession nichts enthalte, was den Gesinnungen und Pflichten eines Staatsbürgers zuwiderlaufe. Sie ftagten z. B. nicht: „Was dünkt Euch vom Messias? Hoffet Ihr nach Palästina zu kommen, und glaubt Ihr an einen persönlichen Messias, oder fasset Ihr dieses Dogma ideell auf?" Denn der Staat hat nichts mit den Hoffnungen seiner Unterthanen zu thun, sobald solche nicht in antistaatlichen Handlungen sich äußern. Sie richteten nur einfach die Frage an die Juden: „Erkennet Ihr Frankreich als Euer Vaterland und die Franzosen als Eure Brüder an?" was auch die orthodoxesten Juden mit dem besten Gewissen bejahend beantworten konnten, und was die Juden Deutschlands schon zu hundert Malen unaufgefordert den Deutschen zugerufen haben, ohne bei ihnen Gehör zu finden. Aber die deutschen Juden statt unerschütterlich auf ihr Recht zu dringen, verrücken den Standpunkt durch freiwillige Concessionen, die sie dem Staate machen, der sie noch nicht einmal verlangte noch berücksichtigte; durch schielende Reformversuche, welche theologische Fragen