Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 8 (November 1844)
- Date
- 1844-11-01
- Page
- Seite 311 (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
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Reformbestrebungen und Emancipation. 311 ihre Märtyrer zählen, sind sie bei den Juden unzählig, sie sind ein Märtyrervolk. Es ist eben kein großes Verdienst, wenn man die Fülle der Welt genießt, und noch zur Vorsorge für die letzte Reise sich mit dem Glauben an Unsterblichkeit versieht: es ist aber ein großes Verdienst, ein ächter Unsterblichkeitsglaube, wenn man für das Unsterbliche zu entbehren, zu leiden und zu sterben weiß! — Das Judenthum har es nicht verschmäht, auch den Segen des Zeitlichen als Lohn zu verkünden; aber die Juden wußten doch das Zeitliche dem Ewigen zu opfern: das Christenthum lehrt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt," und gleichsam als wollten sich dessen Bekenner, wie Kinder die man übermäßig strenge hält, an der rigorosen Lehre rächen, sehen wir in der allerchristlichsten Zeit die demüthige Geistlichkeit die Güter der Erde verschlingen, und oft erinnerte der «mos servorum fast ironisch an die Worte Matth. 20, 26: „So Jemand unter euch will gewaltig sein, der sei euer Diener." Betrachtet man dagegen die Lehren der Uneigennützigkeit und Selbstverläugnung, welche die Nabbinen nicht nur den jüd. Lehrern anempfohlen, sondern durch ihr größtentheils ärmliches Leben und ihre uneigennützige Wirksamkeit bewährt haben, so wird es leicht zu beantworten sein, auf welcher Seite der Glaube an die Ewigkeit und die Lust an Werken für die Ewigkeit inniger, lebendiger geworden sei. Belächeln können wir es daher nur, wenn wir den Vorwurf hören, der jüd. Gott sei abstract; freilich ist er in so fern abstract, als die Juden gelernt haben die Idee Gottes, der Versöhnung, der Unsterblichkeit, geistig und rein in sich aufzunehmen, ohne an einer Vermenschlichung und einem unbegreiflichen Factum sie sich zu veranschaulichen; sie lesen dies Alles viel klarer und einfacher in ihrer heiligen Schrift. Aber in wahrem Sinne concret, das heißt zum besondern, innersten Eigenthnme eines jeden Einzelnen, muß der jüdische Glauben geworden sein, denn wie vermöchte man sonst so viele concrete Güter einem abstracten zu opfern? Noch absurder ist der Einwurf, als kenne das Judenthnm nicht die Verehrung Gottes im Geiste und in der Wahrheit, und als wäre diese erst eine Erfindung der christlichen Religion: während die Propheten und Psalmen davon voll sind, deren ganze Tendenz es ist, das rechte Verhältniß zwischen äußerem Cultus und innerer Religiosität zum Bewußtsein des Volkes zu bringen, und deren Eifer gegen gedankenlose Werkheiligkeit aufs klarste in ihren unsterblichen Worten sich kund giebt. Auf welcher Seite die Verehrung Gottes im Geiste und in der Wahrheit sich practisch mehr bewahrt, wollen wir der Geschichte zur Bemtheilung überlassen; sie muß uns das Zeugniß geben, daß unsere Lehre nie den