Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 7 (Oktober 1844)
- Date
- 1844-10-01
- Page
- Seite 264 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Bericht über Synagoge und Schule. die Schattenseiten dieses Mittelstandes eingehen. Vor Allem ist an ihm seine ungemeine Gefügigkeit zu bedauern. Er läßt sich'Alles gefallen, er ist mit Allem zufrieden. Wir begegnen zwar, überhaupt in der Jetztzeit, dieser Erscheinung bei der jüd. Masse. Das lebendige Interesse an dem Religiösen scheint bei ihr geschwunden und sie nimmt als Novität auf, „es sei etwas abgeändert, aufgehoben, erlaubt worden." In unserer Gemeinde rührt diese Passivität nicht sowohl von einer Apathie, als von der leidigen Gewohnheit Andere für sich denken, Andere für sich sehen und hören zu lassen, her, wozu freilich das weiter zu erwähnende Verhältniß des Vorstandes zu der Gemeinde mit in Anschlag gebracht werden muß. Es ist ferner als sehr betrübend hervorzuheben, daß es an eigentlicher Tiefe, an Festigkeit des Charakters, an einer mit Energie gepaarten Ueberzeugung fehlt. Bei uns hat die Gewohnheit sich ein mächtiges Reich errungen und schwinget sie mit starker Hand den Scepter) es lehnt sich Mancher gegen sie auf, verfällt aber in eine andere, ihn noch mehr entwürdigende Knechtschaft, in die eines groben Cynismus, dem nichts als-heilig gilt. Ist solche Rohheit auch nicht häufig, so ist im Allgemeinen doch der materielle, zu sehr dem Genüsse und dem Gewinne sich hinneigende Sinn zu bedauern, wenn auch hier in der Gewalt der Verhältnisse, in dem politischen Drucke, in den ungemein lastenden Nahrungssorgen die vorzüglichste Veranlassung gefunden werden muß. Was aber am meisten tiefe Trauer erregt, wofür die Gemeinde am meisten anzuklagen, was einst als Zeuge gegen sie auftreten und noch der spätesten Zeit ihre Schuld verkünden und sie nlit ehernen: Griffel für die entferntesten Geschlechter verzeichnen wird, ist die schmählich vernachlässigte religiöse Erziehung der Kinder. Auch hier wirken zwar verschiedene andere Einflüsse ein) aber wie viel verdirbt die elterliche Eitelkeit, die halbe Bildung oder der gänzliche Mangel an Bildung, die schädliche Ansicht, daß die materielle Versorgung der Kinder über Alles gehe, das gedankenlose Hingeben an Mode und verderbliche Sitten! Und wie viel^kommt hier wieder auf Rechnung jener Passivität, auf die gänzliche Abwesenheit von Energie, die muthbegabt und für Besseres durchglüht, sich erhebt und sich selbst zu Hilfe kommt) welcher Tadel trifft nicht die sogenannten Frommen und die Neuen, die Alten und die Jungen, die Weisen und die Laien, daß in ihnen nicht das Gefühl der Selbstrettung und der Selbsthilfe aufsteigt) und diese Anklage fällt zunächst auf die Fronunen die mit Andacht und mit Inbrunst flehen: „ Erbarme dich über uns und unsere Kinder" und sie selbst haben kein Erbarmen mit ihren Kindern, die von Religion sprechen und kein Auge haben für den sich täglich mehrenden Verfall der Religion, die das Gotteshaus als heilig ansehen und zu seiner Entweihung und Entheiligung gelassen schweigen! Unsere Gemeinde gehet nicht einer Katastrophe entgegen) sie ist in zu tiefe Lethargie versunken als daß eine gewaltsame Umwandlung, ein innerer Ausbruch der sich widerstreitenden Kräfte in ihr zu erwarten wäre) sie liegt in schmählichen Fesseln und vermag nicht sich zu ermannen und sie mit