Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 7 (Oktober 1844)
- Date
- 1844-10-01
- Page
- Seite 258 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2744856-2744857-2744866--0289-2745233- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
258 Rcfornibestrebungen und Emancipation. meine Jude täglich in seinem Alenugebet aus, um deswillen wir manche Verfolgung haben leiden müssen, so spricht er es in seinem herrlichen Neujahrsgebete „Ubchen" aus. Und diese Ansicht ist rein jüdisch nicht christlich, denn lasset uns an den Früchten den Baum erkennen und sehen, wo sich die Engherzigkeit befindet. Der so verschriene Talmud lehrt fern von Meinungsbesangeicheit innerhalb seines Glaubens, „alle Israeliten, wie verschieden auch ihre subjectiven Ansichten sein mögen, haben Antheil an der ewigen Seligkeit;" ja er erhebt sich zu dem freundlichen Ausspruche: „die Frommen aller Nationen haben Antheil an der ewigen Seligkeit;" ein Spruch zu welchem sich die sich nennende Univcrsalreligion noch nicht hat erheben können. Der Katholicismus schließt alle Nichtkatholischen von der Seligkeit aus, das strenge Lutherthum, das sich mit dem Schwerte in der Faust die Anerkennung seiner Seligkeit hat erkämpfen müssen, ist eben so unduldsam gegen die freiem Reformirten; und selbst bei diesen ist die Seligkeit immer noch ausschließliches Privilegium der Christen, das sie an den Glauben binden, es habe eine Person ans der Trinität freiwillig sich zur Versöhnung der Menschheit geopfert. Konnte also Gott nur durch ein schweres Leiden versöhnt werden und mußte Jemand, um ihn zu beschwichtigen sich zum Opfer hergeben und zwischen dem zürnenden Gott und dem Menschen vermitteln; auf welcher Seite ist dann der Zorn? Wahrlich nicht auf Seiten des A. T., das da sagt: „Und auch dann wenn sie (ihrer Sünden wegen) im Lande ihrer Feinde sind werde ich sie nicht verachten und nicht verwerfen;" (Lev. 26, 44.) „Dein Gott ist ein barmherziger Gott, er wird dich nicht erschlaffen und nicht verderben lassen;" (veut. 4, 31.) „Kehrst du zu Gott zurück so wird er sich deiner erbarmen;" (veut. 30,1. 3 ff.). Worte der tiefsten Barmherzigkeit, der liebevollsten väterlichen Milde, die ohne Vermittlung sich der Kinder annimmt und sie aufnimmt! — Der „engherzige" Mosaismus schärft ferner ein: du sollst den Fremdling lieben wie dich selbst, du sollst ihn nicht bedrücken! der „gehässige" Talmud erklärt: du sollst ihn auch nicht mit Worten kränken! Gewiß auch das Christenthum lehrt Solches; aber der „wandelbare, kalte, unfruchtbare" mosaische Gott scheint doch tiefer in das Gemüth seiner Anhänger veredelnd eingewirkt zu haben, als die christliche Kirche, da man in der Geschichte des zweimaligen jüdischen Staatenlebens, trotz des Ausmahmsgesetzes in Bezug auf die canaanitischen Völker, nur den friedlichsten Verkehr der Juden mit Nichtjuden, wie der Geschichtskundige weiß, zu beobachten Gelegenheit hat; während gegen die Engherzigkeit der Christen noch .heute die gedrückte Judenheit als