Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 5 (August 1844)
- Date
- 1844-08-01
- Page
- Seite 193 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Berichte über religiöse Zustände. 193 welches bekanntlich, ohne die Hauptstadt Prag, sechzehn Kreise bildet, hat für seine Juden zwölf Kreisrabbiner und mehrere Ortsrabbiner. Einige Kreise nämlich, die entweder an sich klein oder von Juden wenig bewohnt sind, wurden zusammenverbunden und haben nur einen Kreisrabbiner. Prag selbst, die Metropole mit 8000—9000 Juden, ist seit dem vor zwei und fünfzig Jahren erfolgten Ableben des Rabbiners Ezechiel Landau ohne ein die höchste geistliche Würde bekleidendes Oberhaupt und wird durch drei Rabbiner, die den Titel „Oberjuristen" führen, repräsentirt. Diese Benennung stammt wahrscheinlich aus einer frühem Zeit her, wo den Juden die Civilgerichtsbarkeit in ihren Angelegenheiten zugestanden war; die Benennung ist geblieben, wenn auch die Funktion geschwunden: welche andere an ihre Stelle getreten, wird die weitere Darstellung sagen. Daß der Rabbiner Landau der Mann seiner Zeit war, ein Heros rabbinischer Gelehrsamkeit, und durch ungemeine Energie und Geistesstärke über viele seiner Zeitgenossen hervorragend, ist allgemein bekannt; es mochte bei seinem Tode der Gemeinde schwer fallen, zu einer Wahl, die den erlittenen Verlust ausgleiche, zu schreiten. In engeren Kreisen ist hier zu Prag noch bekannt, welchen Antheil Jnttiguen und Parteisucht an der Hintertreibung der Wahl eines Rabbiners hatten; allgemein fühlbar aber sowohl in engen als in weiten Kreisen, sowohl für die hiesige Gemeinde, als für die Juden des ganzen Landes, ist der Verfall des Rabbinats seit jener Zeit, das auch durch unsere neue große Akquisition in dem berühmten Rabbiner Rappoport noch nicht bis jetzt gehoben werden konnte. Eine kurze Skizze unserer Gemeinde wird zeigen, welche Bildungsfähigkeit in ihr liege, welche treffliche Elemente in ihr gähren, und wie, findet sie einen ihr zusagenden Vereinigungspunkt, sie die seit vielen Jahrhunderten behauptete ehrenvolle Stellung in den Gemeinden des Judenthums wieder einnehmen wird. Neben einem sehr lobenswerthen Wohlthätigkeitssinn herrscht hier im Allgemeinen eine tiefe Pietät, ein fast durch alle Klassen angeerbtcs Frömmigkeitsgefühl. Hiermit soll keineswegs der Tadel über die in gewissen Kreisen sich geltend machende sogenannte Freigeisterei zurückgehalten werden, die die Fmcht des Materialismus, die Ausgeburt eines feinem oder grobem Epicuräismus, mit einer grund- und wissenschaftlosen Anfllärung und kindischer, witzelnder Zweifelsucht gern breit thut; doch ■ haben wir in unserer Gemeinde nicht jenen völligen Bruch mit dem Heiligen zu beklagen, nicht jenen kalten, gcmüthlosen Jndifferentismus, oder das cocettirende, affectirte Liebäugeln mit dem Christenthume, nicht jene Ueberbildung, die den innem heiligen Geist erorcisirt, und mit jedem Zeitgeiste buh-