Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 4 (Juli 1844)
- Date
- 1844-07-01
- Page
- Seite 159 (sequence 33)
- Language
- German
- Belongs to
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Tagesbegkbenheiten. 159 gerade ein Sonntag war und Viele vom Spaziergange heimkehrten, so gab es eine gute Gelegenheit, den Tag des Herrn würdig zu feiern. Es herrscht hier, wird von Düsseldorf aus dem Frankfurter Journal berichtet, „eine widersinnige unbegründete vorgefaßte Meinung gegen unsere jüdischen Mitbürger bei mancher Klasse." Wie richtig hat der Mann in diesen wenigen Worten die eigentliche Veranlassung des Uebels dargestellt! Die Meinung ist von lange her gefaßt, ererbt aus der finstern Zeit des Mittelalters, und es wird noch heute das Kind mit chr genährt und großgezogen. Die Meinung ist fest gefaßt; welche Confession hat fie noch fahren lassen, welches theologische und philosophische Prinzip sie nicht in sich ausgenommen? Der Katholicismus verfolgt aus mißverstandenem Religionseifer,' der Protestantismus berechnet kalt und stößt mit vernünftigen Gründen aus, und während er das eine Auge gen Himmel erhebt, blickt das andere auf die Erde, wo der IM einen Geschästseintrag thun kann. Der Supernaturalismus verwirft dm Juden, weil er nicht Alles, der Rationalismus, weil er Etwas glaubt; der Pietismus, well er nicht die Christuslehre, der Hegelianismus, weil er die Gotteslehre hat. Und diese Dogmm werden in Hörsälen und auf Kanzeln und in Kammern ausgesprochen, und in Schriften wiederholt und in das Publicum gebracht, und von manchem ftommen Lehrer in der Schule der Jugend eingeträufelt: und man staunt noch, woher bei „mancher Klasse diese widersinnige und unbegründete Meinung komme!" — Es bringt der Friede Segm; doch welche Früchte hat der langdauernde Friede dem Juden gereift? Ist man in seiner Beziehung vor- oder zurückgeschritten? Befindet er fich in seinen bürgerlichen Verhältniffm heute besser als im Jahre 1815, »st für ihn in der Begleitung des Friedens auch die Aussöhnung eingezogen? Wahrlich! man erschrickt vor diesen Symptomen der Zell; nicht die Pöbelaufläufe beunruhigen, aber die Meinung, die dahinter verborgm ist und die, so sehr Policei- und Militäreinschreitungen dagegen protestiren, von einflußreichen Seiten durch Wort und Lehre und Anfichten gefördert wird. Und der Jude? Möge er endlich einsehen, daß die Zeit der Kratzfüße vorüber sei oder nie hätte sein sollen: der deutsche Jude, der nicht satt werden kann mit Verstcherungen seiner Ergebenheit und wie er bereit ist in den Staat aufzugehen und wie er sich und jede Selbstständigkeit gern zum Opfer bringen will, wenn ihm nur das Prädikat der Aufllarung zugestanden, oder ei» Titelchen oder eine Unterofficierstelle oder was noch mehr! eine kleine Professur oder ein Referendariat eingeräumt wird, möge er einsehen, daß auf diesem Wege nichts erlangt, aber sehr viel verloren wird. Wer führt mehr als der deutsche Jude den „Geist der Zeit" im Munde? Und während er sich nach jedem Geiste und jeder Zeit formt, entfliehet ihm der eigene Geist. Vielleicht haben diese Vorfälle das Gute, daß der Jude nun doch auch einen Blick nach innen werfe und einsehe, wie sein in das Gewand der Aufllärung sich hüllendes Kriechen und Annähem ihn verächtlich mache, und das Sichselbstaufgeben die gehoffte Aussöhnung nicht zu