Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 1 (April 1844)
- Date
- 1844-04-01
- Page
- Seite 23 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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lieber Reformen im Jndenthume. 23 stritt waren und der Autoritätsglaube sich nicht geltend machte*) — freier, in späterer Zeit gebundener, aber nie ohne geistiges Streben; und dieses Streben hat auch die intellektuelle Kraft des Juden ausrecht erhalten, seinen Verstand geschärft, ihm die Volubilität des Geistes gegeben, die, wie die neueste Zeit beweist, ihn zur regen Theilnahme an allen Fächern des Wissens befähigt. Daß die Resultate dieser Forschungen so leicht beim Volke Eingang gefunden, besagt deutlich, daß diese Lehrer ihre Zeit erkannt, ihr ihre Pulsschläge abgeiauscht haben; beweiset ferner, daß das Volk zu ihnen Vertrauen gefaßt, sie ihm als wahrhafte Vertreter des Glaubens erschienen, es an ihrem Wandel, ihren Meinungen, ihren Absichten keinen Anstoß gefunden und sich ihnen mit der festen Ueberzeugung, daß sie aufrichtige Wahrer des Gesetzes seien, hingegeben; daher es denn auch ihre Deutung, wie dieselbe sich auch immer gestalten mochte, bereitwillig als Norm gelten ließ. Wird es den jüdischen Theologen unserer Zeit gelingen ein solches Vertrauen zu erwerben, dann wird von selbst ihnen ein wichtiger Einfluß auf Reformen zugestanden werden: es wird der Gesammtwille in ihnen seine Repräsentanten finden und die Wissenschaft ihr Recht geltend machen. Das Schwierige dieses Problems ist zwar nicht zu verkennen, und doch ist es nicht ganz unauflösbar; es ist trotz dem Wesen der religiösen Thätigkeit, doch viel in die Hände der Theologen gelegt, so sie ihre Zeit und den jedesmaligen Zustand des Volkes erkennen. Sowohl die endliche Gestaltung, die das Judenthum angenomnren hat, als der heutige Begriff und Stand der Wissenschaft, bieten ungemeine, fast entmuthigende Hindernisse dar. Es konnte in früherer Zeit, als das Judenthum noch nicht seine jetzige strenge Firirung angenommen, die Forschung sich natürlich freier bewegen; ihr Resultat fand leichter Eingang beim Volke, da es sich noch nicht bestimmt und ein allgemeiner Gebrauch sich noch nicht geltend gemacht hatte: die Vorschriften und Verordnungen waren noch flüssig, und es fand sich gar nicht Gelegenheit zur Auflösung im Gebiete der religiösen Handlungen. Auch die Wissenschaft war auf einen engem Kreis beschränkt. Man forschte zwar und es lebte in der Schule ein anregendes Princip, das aber außerhalb der Theologie nicht hinausging und vom stemden Einflüsse ganz unberührt blieb; die Resultate waren nicht das Ergebniß einer freien, sich über das Ganze erhebenden und den Geist auffassenden Forschung; diese war innerhalb fester Grenzen gebannt, die mit der abrollenden Zeit durch Autoritätsglauben sich immer mehr verengten, und *) D. i. vor der Redaction der Mischna, deren Autoren ihre Ansichten ohne Berücksichtigung früherer Meinungen geltend machen.