Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 1 (April 1844)
- Date
- 1844-04-01
- Page
- Seite 20 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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20 lieber Reformen im Judenthnme. Hand sowohl über die Untiefen der brausenden Zerstörung als über den stagnirenden Boden des Stabilismus sicher geleitet werden. Das Judenthum als Religion der Thätigkeit mußte, wie oben bemerkt, einen praktischen Einfluß auf das Leben üben, und wurde es durch die von ihm vorgeschriebenen religiösen Handlungen Gemeingut seiner Bekenner. Wo nun diese Handlungen einen ststen Typus angenommen und in das Volk übergegangen sind, da führt deren Aufhebung einen hartnäckigen Widerstand im Volke herbei: diese Handlungen sind ihm heilig, Gott annähernd; auf wessen Autorität soll es sie aufgeben? Auf die seiner Gelehrten? Das Volk kümmert größtentheils sich wenig um Schulgelchrsamkeit und Disputationen; cs hält sich an das, was seinen religiösen Bedürfnissen zusagt, und was ihm durch Angewöhnung als religiös erscheint. Aber laßt uns auch dahin gelangen, daß das Volk seine ftommen Handlungen aufgebe und seine bisherige Angewöhnung als gleichgültig und unrichtig wegwerse, wird nicht hierdurch eine allgemeine Vernichtung des religiösen Sinnes eintreten, eine allgemeine Verwirrung aller religiösen Handlungen sich herrschend machen, das Volk mit sich selbst zerfallen, sich selbst aufgeben und jeden heiligen Halt verlieren? Ist einmal dieser Zwiespalt in ihm erweckt, ist es dahingebracht worden, daß es sich von dem ihm als heilig Geachteten lossage, dann wird es unwiderstehbar zu jenem negativen Judenthume hingeführt, wird kalt gegen das Vorhandene und mißtrauisch gegen alles Neuere; was ihm übrig bleibt? Weder Judenthum noch Glaube, weder Idee, noch zur Idee erhebende Handlung! — Was daher der Gesammtheit sich einvcrleibt hat, was beim Volke seine Anerkennung gefunden und noch findet, darf nicht aufgelöst werden, denn die Auflösung würde nicht aus diese Vorschrift oder diesen Gebrauch allein sich beschränken, sondem das religiöse, Gefühl, das wach zu erhalten die Ausgabe aller Gebote ist, ist hierdurch bedroht, die Anhänglichkeit an den Glauben und die Achtung vor ihm gefährdet, es stehet ein inneres Zerwürfniß in Aussicht und das Irrewerden des Volkes an sich selbst; wodurch würde dieser Nachtheil ausgewogen? — Aber es kann auch was im Volke fest wurzelt nicht aufgehoben werden: an der Volksgewohnheit scheitert jeder Reformversuch, so Haies die älteste Zeit bis auf die neuesten Vorgänge gelehrt; was das Volk sich angeeignet, daran hält es mit Festigkeit, der Versuch, es ihm zu entreißen, macht es in seinen Augen noch theurer, verschafft ihm erst einen Werth, den es weder an sich hat, noch früher ihm in solchem Grade beigelegt wurde. Das Volk gibt, so lange in ihm sich ein religiöser Sinn findet, nicht fteiwillig sein Heiligthum auf; dieser Widerstand selbst ist ein Zeichen des Lebens: