Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 1 (April 1844)
- Date
- 1844-04-01
- Page
- Seite 18 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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18 tlcbev Reformen im Judcnthumc. wagen die „träge Frömmigkeit der guten Alten" zu belächeln, sie aus einer Unkenntniß der Bedürfnisse abzuleiten? Weiset dieses nicht darauf hin, daß wir uns in den Zeitverhältnissen zu sehr verloren, und wir noch mehr als Jene der höheren Nahrungen bedürfen? And so wiederholt es sich uns auch, wenn wir auf die Zeitbildung Hinsehen. Das Reich des selbstständigen Denkens hat sich ungemein erweitert und strebt der Geist nach Selbstherrschaft; aber der Gewinn wird auf Kosten des Gemüthes erlangt, der Verstand zersetzt und löset aus, er verschlingt unersättlich seine eigenen Geburten und stürzt sich mit ihnen in tiefe, kalte Nacht hinab, in der er vergebens einen rettenden Lichtstrahl sucht, ihm in seinem thörichten Selbstvertrauen das Göttliche verloren gehet, die heiligsten Gefühle sich in eitle wesenlose Phantome umwandeln, und er mit den traurigsten Zwiseln über höhere Wallung, über Bestimmung und Fortdauer des Menschen, endigt! — Alleinherrschaft des Verstandes und Materialismus berühren sich so nahe, erheben um so kühner ihr versteinerndes Haupt, je mehr die höhere Ahnung des Gemüthes unterdrückt wird. Der Glaube soll daher fiir dessen 'Belebung thätig sein, durch ihn der Selbstzerstörung, in der unsere Zeit ihre Meisterschaft erlangt, Grenzen gesetzt werden: unsere Zeit mit ihrem Hange zu untergraben und aufzulösen, unsere Zeit mit ihren heftigen schwankenden Bewegungen, wie sehr bedarf sie des Schwerpunktes des Glaubens! Wohl liegt der Forderung, daß auf die Zeitverhältnisse eingegangen werde, Wahrheit zu Grunde; aber die Allgemeinheit, mit welcher diese Forderung oft hingestellt wird, ist eine Verkennung des Wesens des Glaubens, ist eine Verkennung des Menschen, der, was ihm theuer geworden und er als Höheres ansiehet, nicht so leicht aufzugeben bereit ist; Erhaltung durch solchen Fortschritt ist ein leerer Wahn, da die religiöse Thättgkeit sich in unaufhörlicher Wandlung und Flüssigkeit befinden müßte, und welchen Werth würde sie erlangen, wenn das, was vor einigen Jahren ihr als göttlich und wichttg galt, sie nach eingetretenen Zeitverhältnissen als profan und gleichgültig erklären würde, welche Achtung, welche Anhänglichkeit könnte ihr gezollt werden! — Wie'schwierig ist daher die Aufgabe der gemäßigten Reform und wie unsicher der Maßstab dafür, wenn er aus de» Zeitverhältnissen hergenommen werden soll! Wir wollen uns von der Gegenwart auf einen Augenblick abwenden und uns an die Lebensftage wagen: Erkennt das Judenthum überhaupt eine Berechttgung zu reformiren an, hat es seine Formen als unwandelbar hingestellt, oder gestehet es eine Veränderung in denselben zu? Wir wollen uns hier nicht aus Stellen aus Autoren berufen, die hin- und hergedeutet, oder denen andere Autoren entgegengesetzt werden