Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 1 (April 1844)
- Date
- 1844-04-01
- Page
- Seite 6 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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6 Ueber Reformen im Judenthume. ihm ein Aufgeben eines Theiles seines Selbst. Weder Anhänger verschiedener Confesstonen vermögen gegenseitig, noch wer außer jedem positiven Bekenntnisse sich befindet, noch die Wissenschaft und Kritik allein, den richtigen Maßstab für den besonnenen religiösen Fortschritt aufzufinden. Muß doch selbst in den socialen und politischen Reformen Ausgangspunkt und Ziel fest ins Auge gefaßt werden; das Ziel ist „wie es sein soll", der Ausgangspunkt „wie es ist;" über das Ziel vermag Begriff und Reflexion Auskunft zu geben, den Ausgangspunkt bilden die gegenwärtigen Verhältnisse des Lebens, die ganz gewürdigt werden müssen, wenn die Kette, die die Spannung zwischen Ansgang und Ziel trage, gefunden werden soll. Bei religiösen Verhältnissen ist überdies dieser Ausgangspunkt ein innerer, und nicht vermag Berechnung und kalte Anschauung das „Wie es ist" zu erfassen; dieses muß selbst durchlebt, muß ein Durchgefühltes sein, wir müssen den Kampf durchgemacht, mitgerungen und mitgestrebt haben, gefühlt die Opfer, die er dem Gemüthe kostet und die Ueberzeugung erlangt haben, daß es durch sie nichts Edleres aufgebe, nichts Besseres verliere, daß es eine gesichertere geheiligtere Ruhr, eine tiefere und reinere Anhänglichkeit, eine Aussöhnung zwischen sich und anderen ihm gegenüberstehcnden Potenzen erlangen werde. Wollen wir also den Maßstab für den besonnenen Fortschritt auffinden, so müssen wir uns vor Allem den Ausgangspunkt klar machen, die Stellung der verschiedenen sich jetzt einander gegenüberstehenden Parteien im Judenthume erkennen, und welche Veranlassung zu Reformen vorliegt; Geschichte und Wissenschaft mögen dann zeigen, welches Ziel zu erreichen sei, und auf welchem Wege man dahin gelange. Verständigen wir uns zuerst über Judenthum. Das Judenthum ist eine große geschichtliche Wahrheit, die weder durch die falschen Künste einer betrügerischen Dialektik noch durch vorsätzliche Verkennung, und Herabwürdigung, weder durch absichtliche polemische Bestrebungen noch durch die entstellende Hermeneutik des Religionshasses und des Vorurtheiles und des Brotneides, aus dem Weltbuchc ausgelöscht werde» kann. Das Judenthum birgt in seinem Innern die erhebendsten und erquickendsten Belehrungen über Gott, über seine Eigenschaften, über das Dasein des Menschen, über sein Ziel, sein Thun und Lassen. Dem Juden ist sein Gott ein persönlicher, außerweltlicher, und zugleich ein weltlicher, innerer, der jn seinem Herzen lebt', für den er die eigentliche Benennung „Vater" hat. Was die heilige Schrift so schön ansspricht: „Ihr seid Kinder dem Ewigen, Eurem Gott" (Deut. 14,1.)