Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Journal
- Zeitschrift für die religiösen Interessen des Judenthums
- Volume
- 1 (1844)
- Issue
- 1 (April 1844)
- Date
- 1844-04-01
- Page
- Seite 5 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Heber Reformen im Judenthume. 5 ihn hinzielt, sowohl von dieser als von jener Seite der Vorwurf der Halbheit. Als wenn es sich hier um einen kühnen Handstreich handelte, um eine Ueberrumpelung und Besiegung des Feindes! Wen wollen wir durch die Entschiedenheit hinauswerfen, wer soll dem andern das Feld räumen? Können wir tödten oder wollen wir es auch nur, den Gott in uns, wollen wir, was mit uns aufwuchs, uns erwärmte und belebte, vernichten? Werden wir siegend in solchem Kampfe nicht schmählich Besiegte bleiben, auf Stätten der Selbstverwüstung und Zerstörung, von denen uns vertrocknete und verbleichte Gebeine entgegenstarren, einsam und verlassen umherwandeln? Aber es nützt auch nichts, wenn wir Augen und Ohren gegen die Erscheinungen der Gegenwart verstopfen, das Denken als Verderben, den Zweifel als Ausgeburt der Hölle ausrufen und uns in unsere Gefühle und in ein phantastisches Gemüthsleben verpuppen. Es bleibt die Zeit der Häutung nicht aus, dem Eingekerkerten wird das Gehäuse zu enge, er bricht es durch und läßt es als werthlose Schale liegen. Ist es uns nicht um hohle Begriffe oder Theorien zu thnn, wollen wir nicht, nach einem augenblicklichen Siege haschend, einen Fort- oder Rückschritt anempfehlen, den die nächste Zukunft zurückweisen wird und die-Gegenwart höchstens im Augenblick der Überraschung verwundert anstaunt, so kann uns nicht in der Entschiedenheit nach einer Seite hin, sondern in der gemässigten Reform das Ziel der Bestrebungen erscheinen. Doch so einverstanden die meisten Stimmen hierüber sind, so laufen wir doch zuletzt Gefahr, auch hier bei einem relativen Begriffe stehen zu bleiben. Nach welchem Masse soll die Mäßigung, die Besonnenheit des Fortschrittes gemessen werden, wer soll hierüber Auskunft geben? Wir befinden uns auf religiösem Boden, wo Jedem das Seinige lieb und theuer geworden ist; wer außerhalb dieses Gebietes stehet, ist nicht competent zu beurtheilen, ob der Fortschritt besonnen oder übereilt, ob die Reform ans Herz dringe oder nur die äussere Schale berühre. Es hat jeder Glaube sein Heiligthum, jedes Herz seine frommen, Geheimnisse, die dem Außenstehenden ganz profan und unwichtig erscheinen; er begreift nicht, daß es Opfer koste, sich von ihnen loszureißen, er kann nach der Geringfügigkeit, die sie in seinen Augen haben, keinen Werth auf sie legen: doch wer innerhalb dieses Kreises sich befindet, wem sie sich vergeistigt und ein Glied in der Verbindungskette mit dem höheren Leben bilden, der hält krampfhaft an ihnen fest, umarmt sie mit der Glut des Glaubens und der tiefsten Anhänglichkeit, die Trennung und Lossagung von ihnen ist