Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg · 1937-12-15 · 24 (15.12.1937) · p. Seite 427

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
Volume
13 (Ausgabe B) (1937)
Issue
24 (15.12.1937)
Date
1937-12-15
Page
Seite 427 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/10638461-10638480-2728099--156-2744838
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 24 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgememden in Bayern 427 rend, in hebräischen Buchstaben unter Zitierung verschiedener Midraschim noch einmal an Rothschild zu schreiben. Diesesmal ohne Antwort. ■ : ■ , Der letzte Schritt Behrends war ein Aufruf an die Allgemeinheit, aber er wurde sogar in der Hoffnung getäuscht, daß dieser Aufruf kostenlos abgedruckt würde. Als vierseitiges Inserat erschien im Januar 1846 im „Literaturblätt des Orients" der Aufruf an die jüdische Öffentlichkeit, sein Projekt zu unterstützen, gleichzeitig mit einem genauen Bericht'über alle bisher unternommenen Schritte. Der Aufruf blieb ohne jede Wirkung und Behrend scheint nichts. mehr in dieser Sache getan zu haben. Die Juden Deutschlands glaubten damals an die ewige Assimilation...... Mitgeteilt von Carl' Cohen (Frankfurt a. M.). Die Erziehungssfäffe New Herrlingen Wenn man nn Dover den englischen Boden betritt, hat man nur noch eine Bahnfahrt von 1^ Stunden zurüdtozuilegen bis zur Station Lenham, um dann in wenigen Minuten mit dem Auto nach dem Landschulheim New Herrlingen ziu gelangen, das sich im historisch interessanten Süden von England (nicht weit ,von Canterbury) in der landschaftlich besonders reizvollen Grafschaft Kent befindet. Die Erzieh'UTflgsstätte wird; von Frau Anna Essinger, einererfahrenen Pädagogdn, geleitet, die ihr Landschulheim vom Herrlingen bei Ufan a. d. Donau im Herbst 1933 nach England verlegt hat. Das geräuimige Gutshaus Bunce Court mit einem großen Obst- und Gemüsegarten, 40 Morgen Park, Wald und Wieesnland wurden von Frau Essinger vorläufig auf sieben Jahre gepachtet. Für die 10 Jüngsten (etwa 6- bis 10jährige) steht ein getrennt liegendes kleines Haus zur ^Verfügung, wo sie wie eine geschlossene Familie nach ihrem eigenen Rhytihmius und nach ihrer eigenen Weise leiben können. Zum Mittagessen sehen wir die Kleinen und Kleinsten ins'Haupthauis gehen. Auch wenn-musikalische .Vorführungen oder Feierstunden veranstaltet werden, versammeln sich die Kleinen mit den Größeren im Haupthaus. Aber auch die Kinder des großen Gutshauses machen in der .Gottage' täglich Besuch und helfen dort, wenn es nötig ist. Zum Landschulheim gehört auch ein Hoilzhaus mit 20 Einzelzimmer chen für die großen Jungen. Auch Werikräumen, Laboratorien für Ctamiie, Physik umidi Biologie begegnen Wir. auch ©inem kleinen Kranikenhause, das in mustergültiger Weise von der Schwester der Leiterin, Frl Paula Essinger, betreut ■wird. Die Kinder werden fürdie englischen Prüfungen vorbereitet. Die Erziehungsstätte New Herrlingen will ganz bewußt den .Kindern alles Schöne der deutschen Sprache, Dichtung, Kunst und Musik .erhalten, aber ebenso bewußt, ihnen viele Brücken in fremde Länder bauen helfen, ihnen den Zugang erschließenzu englischem Leben, zu englischen Menschen, zur englischen 'Gedankenwelt In den Ferien werden' daher die Kinder in englische Flamiläen eingeladen. Auf diese Weise ist ihnen Gelegenheit geboten, London und andere englische Städte kennen ziu lernen und eigene Beziehungen zur englischen Umwelt anzubahnen. . Eine junge Palästinenserin idomimit einmal wöchentlich, um Iw.mtn-Unterricht ziu erteilten.. Auch in diesem Winter sind die wöchentlichen Vorträge, die aiuch Judentumslkunde vermitteln, wieder aufgenommen worden. Den Anfang machte in diesem Winter Prof. 'Norman Bennien mit einem Vortrage über, Palästina. Prof. BenÜwich steht "au^h" an der Spitze des Scbulrates, der in jedem Semester zusammentritt und die Leiterin berät. . . .Es. wäre erwünscht, daß Kinder in jugendlichem Alter, also vor ihrer schwierigsten Entwicklungszeit, in das Landschulheim eintreten, weil Kinder an jugendlichem Alter, sowohl Knaben wie Mädchen, .sich 'leichter und unbefianigener auf eine neue Umgebung einstehen, leichter " und selbstverständlicher eine neue Sprache erlernen. Immer wieder Wierde lieh uirft Ausfcunft über das Landschulheim New Herrlingen ersucht. Mit diesen' Darlegungen möchte ich idie Anfragen aller derjenigen beantworten, die sich an mich wenden wollen. Seilbstverständilich bin ich 'gerne bereit, auch noch persönlich jeder einzelnen Familie über. New Herrlingen Auskunft zu geben. Rä|bibi;ner Dr. Ernst Steckelmacher, Ludwigshafen a. Rh. Aus der Pfalz Auflösung jüdischer Gemeinden — Verkauf der Synagogen — Das Los unserer Friedhöfe Von Synagogenvorstand Ludwig Strauß (Bad Dürkheim) Im Jahre 1933 erhob ich in einer Mitgliederversammlung unseres pfälzischen Gemeindeverbandes den Hilferuf.: „Rettet die absterbenden Landgemeinden!" Die Rettung ist ausgeblieben. Das Verhängnis ist nicht mehr abzuwenden. Die Landgemeinden und auch die Gemeinden der Kleinstädte gehen von Tag zu Tag^ mehr und mehr ihrer Auflösung, ihrem Ende entgegen. Als wir vor einem Jahrzehnt die Synagoge in Watten heim der dortigen katholischen Kirche zur Errichtung einer Kleinkinderschule übergaben — weil eben die letzte israelitische Familie Wattenheim verlassen hatte —, da erhoben mehrere größere jüdische' Zeitungen heftige Vorwürfe gegen unsern Verband. -Heute — dem Himmel sei es geklagt — berichten unsere jüdischen Zeitungen - fast in jeder Nummer von der Auflösung jüdischer Gemeinden, von dem Verkaufe dieser und jener Synagoge. Wir müssen es hinnehmen. Unser Pfalzverband hat bis heute 12 jüdische Gemeinden auflösen und .ihre Synagogen veräußern müssen. Das ist immer nach Anhörung der wenigen Familien der Gemeinden — ihre Zahl ging durchweg über zwei oder drei nicht hinaus — und mit deren Einverständnis geschehen. Wir haben jede Synagoge vor dem Verkaufe eingehend besichtigt, alle Thorarollen und die sonstigen Ritualien in Obhut genommen. Manche dieser Synagogen, ließen schon beim Eintritt erkennen, daß seit Jähren kein Gottesdienst mehr in ihnen stattgefunden, in anderen wieder herrschte noch eine wohltuende Ordnung und Reinlichkeit» und der Aron ha-Kodesch trug noch vom letzten Gottesdienst her ein weißes Gewand. Unsere Trennung von diesen Synagogen — Trau er tage für das pfälzische Judentum! Aber die Gebäude verfallen, ihr Inneres vermodern lassen — dem durfte und konnte unser Verband nicht gleichgültig zusehen. Manche Thorarolle hat sich die eine oder andere der beteiligten Familien als Erinnerung von uns erbeten. Wir haben der Bitte gerne entsprochen. Manche Thorarolle, einer aufgelösten Gemeinde entstammend, ist bereits über die Meere gewandert. Sie soll den Ausgewanderten im fremden Erdteil ein Kleinod sein, — ein Segen werden. Und auch den Friedhöfen der aufgelösten Gemeinden wird kein besseres Los beschieden, sein. Allerdings, mancher dieser Friedhöfe, in der Einsamkeit gelegen, fern von Straße und Verkehr, von Dorf und Menschen — so z.B. das an den Waldrand sich anlehnende Bes-olom in meiner Heimatgemeinde — „kein Klang der aufgeregten Zeit drang noch in diese Einsamkeit" — wird wohl die Zeiten überdauern, falls nicht Naturgewalten oder Willkür an das Heilige rühren. Aber die andern Friedhöfe, inmitten der Dörfer oder doch an der Grenze derselben, ihnen droht, daß sie in absehbarer Zeit, wenn sie nicht mehr benützt werden und sich niemand mehr ihrer Pflege und ihres Schutzes annimmt, eingeebnet, zu Straßenanlagen, Bauplätzen, Spiel- und Sportplätzen umgeschaffen werden. Vielleicht wird dann auch der Pflug-und der Spaten über manchen dieser verwaisten Friedhöfe hinweggehen und das Totenfeld verwandelt sich in fruchtbaren Ackerboden. Dann aber soll auch uns das Wort Chamissos aus der Seele geschrieben sein: „Sei fruchtbar,, o teurer Boden, Ich segne dich, mild und gerührt, Und segne zwiefach, wer immer. Den Pflug nun über dich führt."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.