Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 13 (Ausgabe B) (1937)
- Issue
- 24 (15.12.1937)
- Date
- 1937-12-15
- Page
- Seite 426 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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426: Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 24 Die Geschichte der Juden in Vor einigen Monaten-konnte ein junger jüdischer Gelehrter aus Stuttgart,'Her mann D icke r, an der Universität Zürich mit der Dissertation „Die Geschichte der Juden in Ulm während des Mittelalters" promovieren. Mit dieser Arbeit wurde neben den politsdch-rechtlichen Verhältnissen der Ulmer Juden im Mittelalter, insbesondere auch das i n n e r e L e b e n der Gemeinde zum erstenmal nach den Quellen dargelegt. Dickers Dissertation hat ihre besondere Note dadurch, daß die rabbinischen» Autoritäten, die im 15. Jahrhundert in Ulm und mit Ulm sich zu beschäftigen hatten, durch ihre Werke zu Wort kommen. — Die Dissertation ist auch in Buchform (126 Seiten) im Verlag der Buchdruckerei M. Rothschild in Rottweil zum Preise von RM. 3.— erschienen. War veröffentlichen aus dem Buche nachstehend das 7. Kapitel, in dem u. a. die Gemeindeeinrichtungen der mittelalterischen Kehilloh dargestellt werden. Die Juden wohnten in Ulm in einem besonderen Viertel, dn dem die Bezeichnungen „Judengasse", „Judenhof" vorkommen. Man unterscheidet zwei Judengassen, die alte und die neue, die sich beide östlich vom Münster befinden. Der Name Judengasse kommt erstmalig 1331 vor und kann hier wohl mit der Bezeichnung „alte Judengasse" glecihgesetzt werden. Die Bezeichnung „alte Judengasse" erscheint zweimal; im Steuerbuch von 1427 und in einer Urkunde vom Jahre 1430. Die in den Urkunden erwähnte Verbindung des Hauses und der Gasse mit dem „Peter Krafft gäßlin" wird durch die Karte bestätigt,, auf der das Gäßchen die Fortsetzung der Judengasse nach Osten darstellt. Der älteste Stadtplan entspricht infolge seiner späteren Entstehungszeit nicht ganz den wirklichen Zuständen im 15. Jahrhundert. Die Puppelingasse mündet auf der Karte in das Peter-Krafft-Gäßchen, während noch 1420 das Eckhaus vor dem Puppelerin-Gäßchen sich in jüdischemBesitz befand und somit die Judengasse sich noch weiter östlich erstreckte. Schon die Bezeichnung „alte" Judengasse setzt das Vorhandensein einer neuen voraus. Diese wird 1401 erwähnt. Warum ist sie entstanden und wo liegt sie? Für ihre Entstehung kommen zwei Gründe dn Frage, entweder Vermehrung der jüdischen "Bevölkerung oder Verdrängung aus der alten Judengasse durch die Christen. Für den zweiten Grund spricht, daß in dem Steuer-, buch von 1427, das nach Straßen eingeteilt ist, in der alten Judengässe eine Reihe von christlichen Bürgern genannt werden. Ihre Lage läßt sich mit einiger Sicherheit vermuten. Zweifellos befand sie* sich in der Nähe der Synagoge. Am 22. Februar 1469 werden in einer Spitalurkunde Zinsen aus der Judengasse erwähnt,, „das man nennt das Sießloch". Das Sießloch ist die nördliche Paratlelgasse zur alten Judengasse. Es folgt daher, da diealte Judengasse mit dem Sießloch identisch ist, daß Sießloch und neue Judengasse ein und dieselbe Gasse sind. Wie bereits festgestellt, finden sich eine Reihe von Ulmer Bürgern, die in der Judengasse begütert sind. In der Periode von 1350—1360 ist es vornehmlich die Familie der Krafft, später die Metzgerfamilie' Rot, die hier ihren Besitz haben. Dieser Umstand, daß die besten Patrizierfamilien dort begütert waren, beweist, daß die Gegend, in der die Juden wohnten, keine minderwertige war und den Juden gegenüber keine Herabsetzung bedeutete. Die wichtigste Stätte in der Judengasse war die Synagoge oder, wie sie in den Urkunden genannt wird, die Judenschule. Es gab natürlich eine Abteilung für Männer und für Frauen. Die Synagoge stand in dem sogenannten Judenschulhof. Die Einfriedung wird auch durch die Bezeichnungen „Judenturm", der am 30. Mai 1390 erwähnt wird, und „Judentor" bestätigt. Die Synagoge war Eigentum der ganzen Gemeinde. Wie von anderen Häusern, mußte man von. ihr eine bestimmte Steuer entrichten. Zur Verwaltung der Synagoge, und damit zur Verwaltung der Gemeinde" bestand in Ulm die Institution der „Pfleger". Da Grundbesitz für Juden sehr schwer zu erwerben war, so gehörte es mit zu ihren Aufgaben, den schon in jüdischen Händen befindlichen Grundbesitz zu erhalten und den ihnen im Umkreis der Synagoge angebotenen käuflich zu-erwerben. Gewöhnlich übten dieses Amt zwei Juden aus, die aus den Vornehmsten der Gemeinde gewählt wurden. Am 2. Januar 1402 kauftendie Pfleger-Seligmän und Lemlin ein Haus von Anna, der Ehefrau des Berchtold Ulmer, das an der Synagoge lag, um 46 Gulden. Der nächstbekannte Pfleger ist Mosse von Kaufbeuren. Seine Tätigkeit wird in der Urkunde vom 7. Dezember 1414 erwähnt. An diesem Tage kaufte er von dem Juden Israel, Ulm während des Mittelalters dem Schreiber; sein Haus,in der Judengasse um 15 Gulden.mit einem Jahreszins en den . jungen Hans Kuntz von deinem Pfund Heller und zwei Weihnachtshühhe'rn jährlich. Weitere Pfleger der Gemeinde waren Iselin, Abraham und Ber. Isefin (Israel) stammte aus Lindau und wurde am 5. März 1417 gegen eine Jahressteuer von 4 Gulden in Ulm aufgenommen. Mit ihm zusammen amtierte Abraham von Augsburg, der am 2. März 1418 gegen eine Steuer von einem halben Gulden aufgenommen wor-. den war und beide werden als Pfleger in der Urkunde des Metzgers Hans Rot vom 22. April 1420 genannt Am 4. Oktober 1420 war an die Stelle Iselins Ber getreten, während Abraham noch im Amte verblieb. Ber von Beilhausen war am 18. März 1420 in Ulm Bürger geworden und kaufte mit Abraham am 22. April desselben Jahres das Haus von dem Juden Lemlin für die Gemeinde und Synagoge um 36 Gulden. Es war in den jüdischen Gemeinden allgemein Sitte, die Gemeindemitglieder zu den täglichen Betstunden einzuladen.- Dem Synagogendiener lag es daher ob, diesen Auftrag auszuführen. Die besonders eigentümliche* Art, , mit der das getan wurde, nämlich durch Klopfen an die Haustür, gab dem Diener die Bezeichnung „Schulklopfer" oder „Schulrufer". Auch in Ulm .finden sich Juden mit diesem Beinamen. Zu den übrigen Gemeindeeinrichtungen gehörten noch das rituelle Bad, das Spital, der Gemeindebackofen und das Tanz- - haus. Der Gemeindebackofen wird in einer hebräischen. Aufschrift erwähnt. Am 5. Februar 1400 verkaufte die Witwe Adelheid Hiltprand mit ihren Söhnen Göry, Peter, "Michel, ihrer Tochter Adelheid und ihrem Tochtermann Stephan Schmid ihr Haus an den Juden Sußmann um 23 Gulden. Die Aufschrift besagt, daß das kleine Haus neben dem Ofen liegt. Unter dem „Ofen' 'ist wahrscheinlich der Gemeindebackofen zu verstehen. Das Tanzhaus war in Ulm eine alte Institution der Gemeinde und wurde wahrscheinlich 1349 zerstört und später wieder aufgebaut. Diese Gemeindeeinrichtungen waren es, zu deren Unterhalt die Gemeindemitglieder eine bestimmte Steuer abzuführen hatten. Ihre Höhe richtete sich nach dem Vermögen des Steuerzahlers und ' geschah durch Selbsteinschätzung des Beitragspflichtigen. In Ulm zahlten auch die Juden ihren Beitrag, die in den kleinen umliegenden Ortschaften wohnten und die die Einrichtungen in Anspruch nahmen. \ „Schfuss" Ein Judenstaatsprojekt vor hundert Jahren Der Kaufmann Behrend aus Rodenberg schrieb im Dezember 1832 in einem ausführlichen Brief an Rothschild, daß die Jüdennot allmählich überhand nähme und man auf andere als philanthropische Mittel sinnen müsse. Das Schreiben gipfelte in. folgendem Vorschlag: „Kaufen Sie "ein Distrikt Landes in Nordamerika. Gründen Sie daselbst eine Kolonie für unsere unglücklichen Glaubensbrüder und führen Sie die uns zunächstliegenden aus Deutschland, Polen und Italien hinüber." Behrend selbst erbot sich, die Übersiedlung der Juden und das neue Staatswesen zu leiten. Er vertraue zwar nicht auf seine Fähigkeiten, aber Gott werde ihn stärken. Der Frankfurter Bankier lehnte in einem kurzen Brief vom 10.12.1832 den Vorschlag ab; erst zwölf Jahre später unternahm Behrend neue Schritte. Am 28. Februar 1944 schrieb er an Gabriel Riesser, dem er den gleichen Plan unterbreitete und dem er gleichzeitigvorschlug, sich mit Saloinon Heine, dem Onkel von Heinrich Heine in Verbindung zu setzen. Riesser wollte von dem Projekt nichts wissen und schrieb, er habe keine besonderen Beziehungen zu Salomon Heine, der im übrigen-ein älterer und schwer zu behandelnder Herr sei. Behrend aber ließ nicht locker; sein ganzes Vorgehen erinnert an Herzls Zusammentreffen mit dem Baron Hirsch: Im Februar 1845 kommt Behrend nach Frankfurt, um Rothschild aufzusuchen. In einer längeren Unterredung sagt Rothschild, die Juden sollten das von Gott gesandte Schicksal geduldig ertragen, und Moses sei ausdrücklich von Gott gesandt worden, um' das damalige Schicksal der Juden zu ändern. Behrend: meinte zwar, er spüre in sich eine göttliche Mission, aber Rothschild schnitt das kurzerhand mit dem Wort „Schtuss' 'ab. Dieses jüdisch-deutsche Wort, sowie eine Bemerkung des Barons über die religiöse Lauheit der Juden veranlaßte Beh-