Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 13 (Ausgabe B) (1937)
- Issue
- 23 (1.12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 410 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 23 Der von der III. Konferenz des Beirates der Jewish Agency beschlossene Aufruf hat folgenden Wortlaut: . An die Juden in Deutschland! . Zwanzig Jahre nach Verkündung der . Balfour-Deklaration erleben wir, wie die Nationale Heimstätte des Jüdischen Volkes in Palästina in eine neue Epoche ihrer Entwicklung übergeht. Das jüdische Volk in Erez Jisrael lebt lebt in dieser Zeit des Überganges, die schwerste Opfer von ihm fordert, mutig, voll starken Willens und in der Zuversicht, daß sein Werk des Aufbaus unerschüttert, ja befestigt, einer größeren Zukunft entgegengeht. Die Erweiterung der landwirtschaftlichen Siedlung, die Begründung von neunzehn „Neuen Punkten" jenseits der Grenzen der bisherigen Kolonisation ist das sichtbarste Zeugnis dieser Kraft und Gewißheit. Die Bereitschaft der Judenheit außerhalb Palästinas, für Erez Jisrael einzustehen, war auch im letzten Jahre der treue Bundesgenosse des Jisehuw. Die Leistung des Keren Hajessod Sn den Ländern der Diaspora war der Audruck dieses Bundes. Das neue Jahr muß ihn neu und wirksam bekräftigen. Unsere Leistung für den Keren Hajessod, unsere kolonisatorische Arbeit im Lande kann die Entscheidung, an deren. Schwelle wir stehen, aufs Stärkste mitbestimmen. Uns Juden in Deutschland ist heute der Weg nach einer neuen Heimat zu einem Gesetz unseres Lebens geworden. Vierzigtausend unserer Brüder und Schwestern haben sie in Erez Jisrael gefunden. Tausende wollen und werden ihnen folgen. Noch wird nicht für Alle die Zeit der Sehnsucht ihr Ende finden Jcönnen; aber die Gesamtheit muß begreifen, daß in Palästina in unseren Tagen die große Geschichte unseres alten Volkes sich erneuert. Sie muß dieser Wiedergeburt, ein starker Helfer sein. Die Arbeit des Keren Hajessod für das Jahr 5698 beginnt! Wir rufen von unserer heutigen Tagung, an der die Reichsvertretung, die Landesverbände, die Gemeinden und die großen Organisationen der Judenheit in Deutschland teilnehmen, alle Juden und Judinnen zu einer neuen, großen Anstrengung auf. Der Keren Hajessod muß den Grundstein legen: für den neuen Bau des jüdischen Lebens in Palästina, für Einwanderung und „Der Besitz des Armen ist sein Recht auf deine Hilfe" Midrasch zu Spr/Sal. 22, 22 * tyU füc die, JUDISCHE WINTERHILFE Siedlung, für uns und Alle, die in Sehnsucht und Not den jüdischen Namen im Lande seines Ursprungs zu neuem Glanz führen wollen! ' Berlin, den 14. November 1937. II. Die Tätigkeit des Hilfsvereins der Juden in Deutschland Der Leiter des Hilfsvereins der Juden in Deutschland, Dr. Mark Wischnitzer, sprach in München in zwei Veranstaltungen: Im geschlossenen Kreis im Restaurant Schwarz und in einer öffentlichen Versammlung im Saal des Itus. Da der' Hilfsverein die Auswanderung nach einer Vielzahl von Ländern betreut, glich der Hauptteil der Ausführungen Dr. Wischnitzers einer Reise um die Welt. Das Häuptauswanderungsland des eben ablaufenden Jahres, U.S.A., ist am wenigsten problematisch, die Handhabung der im Wortlaut unveränderten Einwanderungsgesetze kommt den Bedürfnissen der jüdischen Auswanderung entgegen. Auch sind die Vereinigten Staaten das einzige überseeische Land, in dem einigermaßen Aussicht besteht, daß. auch Angehörige akademischer und kaufmännischer Berufe ausreichenden Erwerb finden können; Wesentlich schwieriger liegen die Dinge in den spanisch und portugiesisch sprechenden Ländern Südamerikas, mit Ausnahme Argentiniens, wegen der politischen UnstabiMtät und der größeren Fremdheit der einheimischen Kultur für Menschen aus Mitteleuropa. Doch stehen Einwanderungssperren auf der einen Seite (Brasilien) auch Milderungen auf der andern Seite (Columbien) gegenüber. Argentinien ist das Beispiel dafür, wie an eine landwirtschaftliche Kolonisation — dort von der Ica aus den Stiftungsgeldern des Baron Hirsph betrieben — sich allmählich eine städtische Einwanderung großen Stils anschließt. Gegenwärtig ist eine Aktion im Gang, um eine erhebliche Anzahl von jüdischen Familien aus Deutschland in den dortigen Kolonien der Ica unterzubringen, wobei die Vorteile der Familien- und der Gruppenwanderurig' vereinigt erscheinen. Dagegen stecken ähnliche Versuche in Brasilien und anderswo noch immer im Stadium der Prüfung und es war daher der Hinweis berechtigt, daß außerhalb Palästinas die Einzelwanderung immer im Vordergrund der Möglichkeiten stehen werde. Für besonders aussichtsreich hielt der Redner einige Länder des Britischen Weltreichs. Zwar sei Canada noch immer nicht von der Wirtschaftskrise des letzten Jahrzehnts erholt und an Südafrika habe die latente burisch-englische Kontroverse zu einer Verschärfung der Einwanderungsbestimmungen geführt. Aber neuerdings sei es mit Hilfe Londoner Freunde gelungen, die Auswanderung nach Australien und Neuseeland in Gang zu bringen und es bestehe Aussicht, daß auch einige afrikanisch-englische Kolonien, wie Rhodesien und Kenya stärkerer landwirtschaftlicher und handwerklicher Einwanderung geöffnet würden. Im Anschluß an diese Ausführungen kam Dr. Wischnitzer auf die sich immer mehr steigernden Leistungen des HilfsVereins zu sprechen. In den Jahren 1933—1937 wurden 13 000 Menschen, davon allein in den letzten Dreivierteljahren 9000, das sind beinahe 30 Prozent der gesamten Uberseewanderung mit Hilfe des Hilfsvereins zur Auswanderung gebracht, die zwei- bis dreifache Zahl wurde in 15 Beratungsstellen und 2 Hilfsstellen — davon je eine in. München und Nürnberg — beraten. Ohne die vorzüglichen Verbindungen in vielen Ländern, die .der Hilfsverein sich in Jahrzehnten geschaffen hat, ohne die tätige Unterstützung der ausländischen Komitees wäre diese Leistung nicht möglich gewesen. Aber die Anforderungen wachsen von Monat zu Monat und verlangen die Unterstützung aller Schichten der in Deutschland lebenden Juden. An den Vortrag schloß sich eine Aussprache an. Der Leiter der Versammlung, Herr Generalkonsul Aufhäuser, betonte in einleitenden und abschließenden Ausführungen die Notwendigkeit; die Auswanderungsberatung auszubauen und sie mit Verstand und Herz zugleich auszuüben. Die entscheidende Bedeutung, die dem Hilfsverein der Juden in Deutschland als der Zentralstelle für die planmäßige Vorbereitung und Lenkung der jüdischen Auswanderung aus Deutschland nach Ubersee zukommt, und die Arbeit, die der Hilfsverein in immer steigendem Maße auf diesem Gebiete leistet, wurden auf der kurz vorher in Berlin abgehaltenen 36. Jahresversammlung dieser Organisation von dem Präsidenten Max Warburg und Dr. Mark Wischnitzer dargelegt. Die Redner betonten einerseits das Interesse, das der Auswanderung nach Palästina und dem jüdischen Aufbauwerk in diesem Lande von den Juden in Deutschland, auch in Zukunft -entgegengebracht werden muß, wiesen aber gleichzeitig darauf hin, daß ein zahlenmäßiges Ansteigen der Auswanderung nach Übersee infolge der Einschrän-