Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 13 (Ausgabe B) (1937)
- Issue
- 21 (1.11.1937)
- Date
- 1937-11-01
- Page
- Seite 372 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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372 Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern^ Nr. 21 r»öT2i 25 JAHRE HTöstI MÜNCHEN » BRIENNERSTRASSE 52 KOSTÜME KLEIDER MÄNTEL PELZE Herzl steht vor den Schülern. Er hebt die Hand zum Zeichen dafür, daß man die Kaiserhymne anstimme. Und während der Gesang einsetzt, tritt Herzl zur Seite an eine Pflugschar heran und zieht mit der Rechten den Tropenhelm zu ehrerbietigem Gruße. Der Kaiser hat den hochgewachsenen Mann mit dem schwarzen Vollbart schon von weitem erkannt. Er reitet auf ihn zu, neigt sich vom Pferde und streckt Herzl die Hand freundlich lächelnd entgegen. Ein kurzes Zwiegespräch, ein Händedruck ,und schon reitet der Kaiser mit seinem Gefolge weiter. Der Jubel der Siedler geleitet sie. Herzl fuhr mit dem Zuge nach Jerusalem. Es war bereits Schabbäth, als sie dort anlangten. Die Fahrten und Gänge hatten Herzl müde und matt gemacht. Die Kühle der Bergluft Jerusalems taten ihm wohl, und nach einer gut durchschlafenen Nacht fühlte er sich wieder frisch. Zu früher Vormittagsstunde hielt Kaiser Wilhelm seinen Einzug in der heiligen Stadt. Am Jaffator waren zwei Triumphbogen errichtet worden, der eine von den türkischen Arabern, der andere von den Juden. Hunderte bunter Fahnen wehten von den Häusern, derenFronten von farbigen Girlanden geschmückt waren. Der festliche Zug bewegte sich durch eine unabsehbare Menschenmenge. Niemals vorher waren dem Kaiser so vielerlei Menschenrassen zu Gesicht gekommen wie an diesem denkwürdigen Tage. Nie auch seit Jahrhunderten hatte Jerusalem ein solch farbenprächtiges Schauspiel gesehen. Theodor Herzl blieb wegen des Schabbäth dem Einzug fern. Er ruhte wie alle seine Brüder-in diesem Lande, und erst am Ausgang des Schabbäth verließ er das Hotel und siedelte in eine geräumige Wohnung über. Während des folgenden Tages empfing Herzl von früh bis spät Besuch. Er war froh, als die Nacht kam und man ihn für kurze Zeit allein Keß.. Von ^der Stadt .hatte Herzl noich fast gar nichts gesehen. So holten ihn denn seine Freunde am späten Abend ab und begleiteten ihn in die Altstadt. Der Mond schien hell und umgab die uralten Mauern und Zinnen mit einem unsagbar zarten Schimmer. Vom Davidsturm aus überschaute Herzl die sich weit über die Hügel hinziehende Stadt, die einmal die stolze JCönigsstadt gewesen und nun auf die Stunde wartete, da sie selber wieder im alten Glänze erstehen und die Krone werden sollte eines Landes, das unter den Pflugscharen jüdischer Bauern sich aus einer Wüste zum blühenden Gefilde wandeln sollte. Auf dem Heimweg und in seinem Zimmer beschäftigten den rastlos planenden Mann Gedanken des Wiederaufbaus bis tief in die Nacht hinein. Die Altstadt hatte keinen erfreulichen Eindruck auf Herzl gemacht. Es war sein Wunsch, die Menschen aus den armseligen Gäßchen und Schmutzwinkeln herauszuholen und sie in neuen Häusern auf freiliegendem Boden rings um die Altstadt her anzusiedeln. Zwei Tage später — es war der 2. November, der Tag, an dem 19 Jahre später die Balfourerklärung dem jüdischen Volke eine nationale Heimstätte in Palästina versprach —, fuhr Theodor Herzl mit seinen Begleitern zu den kaiserlichen Zeltlagern weit draußen vor der Stadt. In wenigen Minuten standen sie im Hauptzelt vor dem deutschen Kaiser. Er trug eine graue Tropenuniform und einen Schleierhelm. Als er Herzl erblickte, ging er ihm entgegen und reichte ihm die Hand. Herzl hielt ihm einen Vortrag über seine Aüfbaupläne. Der Kaiser hörte aufmerksam zu und anwortete in einer längeren Ansprache. Wie bei der Begegnung in Mikwe Jisrael meinte der Kaiser auch dieses Mal, das Land brauche vor allen Dingen Wasser und Schatten, nur dann könne etwas rechtes aus ihm gemacht werden. Ein kurzes Zwiegespräch, ein Händedruck — und die Audienz war zu Ende. s Zu Ende war damit aber auch der kurze Besuch Herzls in Palästina. Er ließ sich noch rasch von dem tapferen Siedler Broze -die schön gelegene, aber noch ärmliche Vorstadltkolonie Mozaih zeigani; er pflanzte dort eine Zeder. Dann alber ging es nach Jaffa zurück, wo das Boot ihn und seine Freunde an das kleine englische Frachtschiff Dündee heranruderte. Die Heimreise ward angetreten. - Sie hatte mit der Hinfahrt kaum länger als zwei Wochen gedauert. Vom Lande war Herzl nur ein kleines Stück zu Gesicht gekommen. Die jedem jüdischen Kinde heute vertrauten Bezeichnungen Emek und Galil finden wir in Herzls Tagebüchern nicht. Es gab zwar auch in jenen Jahren dort schon - jüdische Kolonien. Aber Herzls Reise galt in der Hauptsache der Zusammenkunft mit dem deutschen Kaiser, dessen Unterstützung er zu gewinnen hoffte. Vielleicht wäre. Herzl doch länger im Lande geblieben und hätte sich in all seinen Teilen umgesehen. Allein die Türken, idienen damals Palästina gehörte, waren argwöhnisch geworden und ließen Herzl scharf beobachten. Er mußte fürchten, verhaftet zu werden, und so verließ er das Land rasch. Er hat es nie wieder gesehen. Dr. Siegfried Braun. Ein Judensiaat vor hundert Jahren Am 15. September 1825 wunden idiie Einwohner eines kleinen Grenzdorfes in Buftalo U. S. A. durch Kanonendonner bei Tagesanbruch aus dem Schlaf geweckt. Unter seltsamem Pomp und Gepränge vollzog sich lim 50. Jahre nach ider Gründung' der amerikanischen RepubMok die Gründung einer „Repulblak in der Republik", eines „Fredstaats -der religiösen Freiheit im Staate der politlisohen Freiheit'", Wie der Gründer des Staates es nannte, ein stattlicher Mannin den Vierzigern, der in kostbarem und absonderlichem Gewände dem Zuge voranschritt. Das wlar Major Noab, einer der merkwürdigsten amerikiand'Sicih-jüidlisiohen PionGere, „Moirdecai Maniuel Noah, Bürger der Vereinüigtien Staaten von Amerika, voirmals Konsul dieser Staaten in Tunis, High Sheriff von New York, Rats-, mann und durch Gottes Graaldie, Lenker und Richter in Israel." — Das abenteuerliche und vSelurnstr'ittene Leiben dieses Mla'jors Noah hat schon ZanigwiM und1 andern zum Stoffe Sflirer Didhituinign ^gedient; «jetzt aiber hat Isaac Goldberg, der frühere Dozent für Spanisah-Amerdkaniische Literatur an der Hanvard- Universiität. es zuim ersten. Male unternommen), diese vielfältig schiillerndie und gerade, henite sehr' lebendig uns berührende Gestallt in einer Biographie wieidler auferstehen) zu lassen. Das Verdienst dieses fast wie ein Afoenteurer-Ronian erscheinenden Buches ist es, daß es wo immer möglich zu den Quellen zurück ging und wertvolle, biiisher unbekannte handschriftliche Briefe und Dokumente benutzen konnte. „Major Noah", wiie er gewöhnlich gemannt wird, entstammte einer .alten söiardiiscih-amerikianischen Familie unld liist 'sich dijeser Abstammung immer stolz -bewußt geblieben. Sein vielbewegtes Leben führte ihn zuerst zur Presse, sogar zum Dramenschreiben,- dann zum Militär und zur Diplomatie; er wand Konsul in - Algier unld' Tunis und scheint dort sein Amt zur vollsten Zufriedenheit seiner Auftraggeber ausgefüllt zu haben. Aber dann komimt der Moment, wo auch ihm im Lande der Freiheit seine jüdische Abstammung zum Vorwurf gemacht wind); und von nuin, an ist es das Hauptziel seines Lebens, neben seiner amerikanischen Bürgerpflicht der Pflicht gegen seine überall entrechteiten Glaubens- und Stamimesgenossen Genüge zu tun. Noah ist das echte Urbild des frühen ameri'ka- .rfischen Juden, der mit "dem Stolz auf seine jüdische Abstammung die Begeisterung für die Heimat Amerika verbindet. Den von ihm in Buffalo •gegründeten Judenstaat nannte er „Ararat". im Angedenken an den Berg Ararat, der als erster