Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Journal
- Jüdisches Gemeindeblatt für den Verband der Kultusgemeinden in Bayern und die Kultusgemeinden München, Augsburg, Bamberg, Würzburg
- Volume
- 13 (Ausgabe B) (1937)
- Issue
- 19 (1.10.1937)
- Date
- 1937-10-01
- Page
- Seite 336 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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$36 Jüdisches Gemeindeblatt für den Veßband der Kultusgemeinden in Bayern Nr. 19 einer kausal erklärenden, nach Ursachen forschenden andererseits. Dieser Gegensatz identifiziert sich für Chestov mit dem zwischen Freiheit und Notwendigkeit^ zwischen den unbegrenzten Möglichkeiten von Schöpfung, Wunder und Glauben, und einem Schicksal, das nach ehernen, unwandelbaren Gesetzen abläuft. Der moderne Rationalismus, die wissenschaftliche oder besser naturwissenschaftliche Gesinnung der Neuzeit, die nur in einem radikalen Determinismus ihre Befriedigung findet, aber mit der Glaubenslosigkeit das menschliche Herz jedes Trostes beraubt, erscheint ihm letzten Endes in der Ursünde ihre Wurzel zu haben: Adam und Eva haben gewählt gegen Gott und für das F-atum. Betrachten wir den Text; ob er eine solche Deutung zuläßt. Wir fragen uns vergebens, welche sprachlich haltbare Ubertragung der Worte „da'at tob wara" dazu führen könnte, in ihnen eine Anspielung auf den Rationalismus und auf das Prinzip einer durchgängigen und starken Kausalität zu finden. Leider bemüht sich Chestov selbst auch nirgends um eine sprachliche Erklärung seiner Meinung; er bleibt bei rein philosophisch-theologischen Betrachtungen stehen. Für seine intellektgegnerische Grundeinstellung sucht er eine Bestätigung in der Bibel und glaubt sie dort' auch zu finden. In Wahrheit hat er sich nicht nur, wie wir gezeigt haben, die exegetische Seite seiner Aufgabe zu leicht gemacht, sondern auch, wie wir noch sehen werden, die philosophische. Nach diesen kritischen Stellungnahmen wollen wir versuchen, dem eigentlichen Sinn unserer Torah-Stelle auf die Spur zu kommen. Oskar Goldberg hat in seiner „Wirklichkeit der Hebräer" die hierzu nötigen philologischen und kosmologischen Klarstellungen vorgenommen (S. 32—35, 135 bis 137). Die Grundbedeuiumg von „tob" ist nicht das sittlich Gute. „Tob" ist ein völlig unpathetisches Wort, das nicht nur von Menschen und ihren Handlungen, sondern ebenso vom Tier, vom Berg, vom Land, vom Gold, von Häusern, vom Greisenalter und vom schönen Aussehen gebraucht wird ... dasselbe läßt sich vom Begriff „ra" nachweisen; gewiß kann tob und ra auch „sittlich gut und böse" bedeuten, wenn damit auch zugleich das „Passen zu einem bestimmten System" ausgedrückt werden soll ... tob und ra bedeutet im Munde der Urschlange nicht das sittlich Gute und Böse, vielmehr ist es der Ausdruck für den Gegensatz von „Positiv und Negativ", der häufig durch „tob und ra" wiedergegeben wird, vgl. bei Laban, bei Bileam .;. oder bei der Gegenüberstellung von Leben und Tod, — und" damit der Ausdruck für den Zwiespalt an sich; dieser Zwiespalt, der das Prinzip der Biologie ist..., „äußert sich als Polarität. Beim Menschen bedeutet der polare Gegensatz" die normale Vervielfältigung, die Kindererzeugung, die Sexualität ... intellektuell zeigt er sich in der reflektiierienden, gle g e n ü b e r s t e! 11e n d e n Denktätigkeit, woher es kommt, daß althebräisch der Ausdruck „Erkennen" und „ehelich beiwohnen", nämlich „jada" derselbe ist". Es sei hier bemerkt, daß der Stamm von „jada" derselbe ist wie der des Wortes „da'at". Zu dem Worte „ra" bemerkt Goldberg: „Der Stamm des Wortes ra ist ... ursprünglich ein rein formaler V i e 1 h e i t s terminus, der sich erst später in die verschiedenen Bedeutungen des Nebeneänanderseins, nämlich des „Genosse" — oder „der Nächste"- Seins, des „Zusammen-Weidens" und des „Einander-(durch die Menge)Beeinträchtigens" abzweigt. Analog dem hat das Substantiv „tub" die Bedeutung des „Ganzen" und der Einheit ...". Kosmologisch bemerkt Goldberg: „... es befanden sich in dem genannten Paradies ... nicht nur der Baum I H W H's, der Baum des (ewigen) Lebens, sondern auch der Baum des Zwiespalts (der Erkenntnis von Gut und Böse, d. h. der Differenzierung, der Sexualität)..., zwischen welchen beiden Polen Adam wählen konnte...". Wir können die kosmologischen Darlegungen Goldbergs hier nicht weiter verfolgen, da uns dies in Fragengebiete führen würde, die den Rahmen dieses Aufsatzes überschreiten. Doch wollen wir noch die philosophisch-theologischen Ergebnisse unserer Untersuchung abschließend zusammenfassen. Die Erkenntnis von tob und ra, von der in der Genesis die Rede ist, bedeutet unserer Meinaimg nach, daß der Mensch, nachdem er für die biologische Vervielfältigung optiert hat, ~an sich den Gegensatz von „tob" und „ra", von „ganzheitlich" und „vielheitlich" von einheitlich und gegemeinandergerichtet, erkennen, und nicht mir theoretisch, sondern auch geschichtlich „erfahren" wird. „Jada" bedeutet auch „kennenlernen, mit etwas bekannt werden", „zu fühlen bekommen" (vgl. das Wörterbuch von Genesius). Das paßt auch sehr gut zur Grundbedeutung „gegenüberstellen", wie sie Goldberg ermittelt hat. Und mit diesem Erfahren der Spannung zwischen organischer Ganzheitlichkeit und konfliktvoller Vielheitlichkeit ist das Leben >leidvoH und tragisch geworden — als notwendige Folge des lin Bewegungsetzens des Rades von Tod und Geburt (Gilgul). Hiergegen vorzugehen ist der Sinn der Eschatologie, der Lehre von den letzten Dingen, ist die Bedeutung des Messianismus. Im Bericht von Eva und der Schlange erweist sich so der Pentateuch als ein eschatologisches Buch. — Mit dem Rad von Tod und Geburt ist dem Prinzip der Kausalität ein Platz in der Welt eingeräumt, den es vorher in dieser Weise nicht .inme hatte: Chestov hat insofern etwas Richtiges bemerkt. Aber erkenntnistheoretisch bezieht sich die Erkenntnis von tob und ra nicht auf Kausalität im Gegensatz zur ibloßen Beschreibung, sondern auf Analyse im Gegensatz zur Intuition, d. i. dem Vermögen zum Begreifen von Ganzheiten, zur Schau von Wesenheiten (Husserl). A. Abraham. Jüdische Schüler und Schülerinnen auf höheren Schulen Bayerns Von Dr. Hermann Weil, Frankfurt a. M. (Philanthropin) Vor kurzem erschien der „Wegweiser durch das höhere Schulwesen des Deutschen Reiches" für das Schuljahr 1936/37, /bearbeitet von der ReichssteJle (für Schulwesen. Berlin, im Auf- . trage des Reichs- und Preussischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung -und Volksbildung. In diesem 'Umfangreichen Nachschlagewerk hat die Reichsstelle eine Bestandsaufnahme des gesamtem höheren Schulwesens des Deutschen1 Reiches geliefert. Auf rund! 250 Seiten ist nunmehr im 3. Jahrgang das höhere Schulwesen des Reiches statistisch .und tabellarisch zusammengefaßt worden und gibt einen anschaulichen Oberibliok über Schulen, Lehrer und Schüler. Es ist nun sehr interessant, dieses Werk einmal vom jüdischen Blickpunkt aus d'urchz'uaribeiten und so sollen! in den folgenden Ausführungen idlie Statistiken über jüdische Schüler und Schülerimnien auf den höheren Schulen Bayerns auszugsweise dargestellt werden. Wir haben zunächst zu unterscheiden zwischen dem höheren Schulen im engeren Sinne, dazu gehören die berechtigten höheren Schulen und zwar die öffentlichen und die privaten höheren Lehranstalten und dlemi höheren Schulen im weiteren Sinne, das sind die nichtfberechtiigten höheren Schulen. Schüler (innen) jüdischen Glaubensbekenntnisses auf allen höheren Schulen I. Berechtigte höhere Schulen 1. Öffentliche höhere Schulen a) Knalbenlsdhulen 51 909 Schüler, danunter 355 jüd. b) Mädchenschulen 8 745 Schüler, darunter 241 jüd. Summe a) und b) 60 654 Schüler, darunter 596 jüd. 2. Private höhere Schulen a) Knabenschulen 4 254 Sohüler, darunter 234 jüd. b) Mädchenschulen 13 744 Schüler, darunter 148 jüd. Summe v. a)u.b) 17 998 Schüler, darunter 382 jüd. Ergebnis von 1. und 2.: öffentliche -und private höhere Schulen 78 652 Schüler, darunter 978 jüd. II. Nichtberechtigte höhere Schulen Zusammen .4 019 Schüler, darunter 20 jüd. Summe v. I. u. II. 82 671 Schüler .darunter 998 jüd. Ergebnis A: Auf allen höheren Schulen Bayerns waren im Schuljahr 1936/ bis 37 82 071 Schüler und Schülerinnen, daunter 998 Juden 1,2%.