Mannheim
Compact Memory

Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-07-01 · 13 (1.7.1937) · p. Seite 252

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
13 (1.7.1937)
Date
1937-07-01
Page
Seite 252 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2727810-2728075-2728088--11221-2744641
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

252 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 13 1912I 25 JAHRE Hi937 KOSTÜME KLEIDER MÄNTEL PELZE Jn folgenden Zeilen sollen aus der Vielzahl der vorhandenen jüdischen Komponisten aus dem östlichen Europa einige der bedeutendsten gewürdigt werden. Vor allen anderen fällt da Joseph A c h r o n auf. Er wurde 1886 in Losdseje geboren, kam dann nach Warschau, wo er bei Mechalowitsch und später bei Lotto das Violinspiel erlernte. 1899—1904 war Achron Schüler des berühmten Violinvirtuosen Leopold Auer am Petersburger Konservatorium. In den Jahren 1907—1910 machte er Kompositionsstudien, war bereits mit 27 Jahren Leiter der Violin- und Kammermusikklasse an der Musikschule der ehemaligen kaiserlichen Musikgesellschaft in Charkow. Dann diente er in der russischen Armee und war seit 1921 Leiter der Meisterklasse für Violine und Kammermusik des Künstlerbundes in Petersburg, 1922—1924 lebte Achron in Berlin und ging dann nach New York. Achron ist einer der ersten Komponisten, die bewußt eine jüdische Kunstmusik anstrebten, die auf jüdischen Elementarmotiven beruht. Sehr vielgestaltig ist seine kompositorische Begabung. An szenischen Werken schrieb er die Musik zu der „Blinden" von Maeterlinck, zu „Fartog" von Waiter, zu „Masltow" von Scholem Alechem und zu „Die Hexe" von Goldfaden. Mit Vorliebe schreibt Achron Kompositionen für Violine, da er ja auf diesem Instrument ein bekannter Virtuose ist und daher mit dem Wesen dieses Instrumentes am besten vertraut ist. Sehr interessante Kompositionen sind der „Hebräische Tanz" und die Tanzimprovisationen", die frei nach jüdischen Volksliedern von Achron für Violine und Klavier bearbeitet sind. Meisterhaft ist hier der Klavierpart behandelt, nicht nebensächlich, wie man es so oft bei derartigen Kompositionen sieht, sondern in ganz selbständigen Linien, so daß das Klavier nicht als Begleitinstrument erscheint, sondern diese Kompositionen fast ein Duett zwischen der Violine und dem Klavier sind. Weiter sind von Achron zahlreiche Lieder bekannt geworden, die sich einer gewissen Popularität erfreuen. Aber nicht nur als Komponist hat sich Achron betätigt, sondern auch wissenschaftlich. So stammt von ihm ein Buch: „Grundlagen der Violin- und Bogentechnik", das im Musikwissenschaftlichen Sammelbuch des Russischen Staatsverlages erschienen ist. Der zweite der hier zu erwähnenden jüdischen Komponisten ist Michael G n j e s s i n (oder auch Gnessin geschrieben). Er wurde 1883 in Rostow am Don geboren. Während seiner Schulzeit erhielt er bei dem Kantor Gerowitz und dem Pianisten Oskar Fritsche Unterricht. 1901 wurde er Schüler von Anatole Ljadow und Glazounow, im besonderen von Rimskij-Korssakow am Petersburger Konservatorium. 1911 war Gnjessin in Deutschland, übersiedelte dann nach Rostow, wo er sich im Musikleben betätigte. Er gab an der dortigen staatlichen Musikschule Kompositionsunterricht und wurde dann deren Direktor. 1921 besuchte Gnjessin Palästina und wurde danach, im Jahre 1923, Kompositionslehrer an der Musikschule seiner Schwestern, an dem Staatlichen Musiktechnikum „Gnjessin" in Moskau. - Schon in seinen frühesten Werken enthüllte Gnjessin einen Sinn für guten Stil und einen romantischen, impressionistischen Zug seiner Phantasie. In späteren Werken baut er seine Musik ganz auf jüdischer Volksmusik auf. Unter anderem schrieb er eine symphonische Dithyrambe „W tu bei" für Gesang und Orchester: Ganz hervorragend MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII StadtfHiale Hochbrückenstr. 14, Ecke Herrnstr. sind seine „Variationen über ein jüdisches Volkstheraa" für Streichquartett, auch seine „Variationen über ein palästinensisches Volksthema" (H o r r a), die er für Klavier zu vier Händen schrieb. Mehrere Musiken zu jüdischen Tragödien komponierte Gnjessin, ferner viele Lieder mit Orchesterbegleitung. Während seines Aufenthaltes in Palästina entstand eine dreiaktige Oper „Ab r a h a m s J u g e n d". In diesen Zeilen soll fernerhin der Senior all dieser jüdischen Musiker im Osten Europas Erwähnung finden, der Komponist Alexander K r e i n. Geboren im Jahre 1883 zu Nischnij-Nowgorod, studierte er Violoncello am Moskauer Konservatorium. Als Komponist ist er hauptsächlich Autodidakt und stand zuerst, wie fast alle russischen Komponisten dieser Zeit, unter dem Einfluß der Franzosen, insbesondere unter dem von Scrjabine, Ravel und Debussy. So entstanden in dieser Zeit viel Kammermusik, Lieder und Klavierstücke. Bald aber wandte er sich dem symphonischen Gebiet zu, und hier ist die Verwendung althebräischer Kantilehen bemerkenswert. Von Kompositionen Kreins sind u. a. eine symphonische Dichtung „S a 1 o m o" und ein hebräisches Requiem „K a d d i s c h" für Chor und Orchester^ bekannt geworden. Zu den jüdischen Dramen „S a b b a t a i Zwi" von Zulowski und zu dem „Ewigen Juden" von Pinski schrieb Krein eine gutklingende Musik. Die eben angeführten Komponisten muß man als die bedeutendsten unter den jüdischen Musikern des Ostens ansehen, zu denen wohl noch der sehr bekannt gewordene Liederkomponist Joel E n g e 1 zu zählen ist. Ferner will ich noch S. Rosowski und J. A i s b e r g mit einer Hebräischen Rhapsodie für Klavier erwähnen, auch M. M i 1 n e r. Unter den Engeischen Liedern ragen ganz besonders die Drei Lieder auf Gedichte von Tschernichowski hervor, die einen tiefen Gehalt aufweisen und wirklich jüdische Musik darstellen. Zum Abschluß dieser Übersicht soll noch als jüngster der hier genannten Komponisten angeführt werden der im Jahre 1899 zu Lodz geborene Alexander W e p r i k, der mit einem Orchesterwerk „Lieder und Tänze des Ghetto" und mehreren jüdischen Gesangswerken als ein typischer Vertreter jüdisch-nationaler Musik im Osten Europas anzusehen ist. Wir sehen also aus den hier angeführten Beispielen, daß im Osten die Vertreter der jüdischen Musik nicht Einzelerscheinungen darstellen, wie in den westlichen Ländern, wo neben dem schon besprochenen Ernest Bloch fast nur noch Darius Milhaud jüdische Musik im eigentlichen Sinne des Wortes schreibt. Aus der Gemeinde München Vortrag Dr. Sukenik im Lehrhaus Der Vortrag über „Neue Ausgrabungen in Palästina" kann im Laufe der ersten Hälfte des Monats noch nicht stattfinden. Der Termin wird so bald wie möglich bekanntgegeben. Lehrhausvorträge Das jüdische Antlitz — Unser Kalenderwesen. N Die beiden letzten Lehrhausvorträge vermittelten ein reiches Wissen von jüdischer Kunst und Geschichte. Dr. Lotte Pulvermacher (Berlin) zeigte eine Fülle gut ausgewählter Lichtbilder, an denen sie einen gedrängten Querschnitt „Jüdischer Kunstgeschichte" demonstrierte. Im Mittelpunkt standen Rembrandt und Israels. Die guten, an die Wand geworfenen Bilder zogen jenseits aller Kunstbetrachtung jedermann in.ihren Bann. Die Vortragende interpretierte in interessanter Weise eine eigene jüdische Physiognomik. Für den fesselnden Abend dankten die zahlreich erschienenen Gemeindemitglieder durch herzlichen Beifall. — Ein wichtiges und vielfach unterschätztes Thema behandelte Prof. Basnizki .(Heidelberg): Entstehung und Aufbau des jüdischen Kalenders. Die jüdische Zeitrechnung gehört mathematisch-technisch und historisch zu den schwierigsten, praktisch und theoretisch gleichmäßig interessanten und wissenswerten Gegenständen jüdischer Bildung; sie ist nicht nur das Gerippe unserer Zeiteinteilung, der Sabbate, Feste und Werktage, sondern führt tief in das religiöse Brauchtum und in die Formen jüdischer Selbstbehauptung ein. Hier liegt viel mehr als ein Unterrichtsfach vor. Prof. Basnizki gab eine leichtfaßliche und doch sehr präzise Übersicht über die Grundzüge und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.