Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 12 (15.6.1937)
- Date
- 1937-06-15
- Page
- Seite 236 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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236 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr, 12 wie sich8 jeder wünscht, formschön, mm gut verarbeitet und b 111 i g im H Möbelhaus Emil Eben | Schwanthalerstraße 9 nächst SonnenstraBe Schäften eine Figur von programmatischer Bedeutung. Damit ist die eine, nicht geringere Seite seines Wesens bezeichnet. Zugleich stellte er auf allen Teilgebieten seiner Wissenschaft, wo er nur Hand anlegte, Vorbilder auf für die Arbeit, die geleistet werden sollte. In klassischer Weise formulierte und verfolgte er das Problem der Überlieferungsgeschichte mit einer Weite des Blickfes, die ihn befähigte, ein scheinbar engbegrenztes Thema in einen großen Zusammenhang zu stellen... Die unmittelbar stärksten Wirkungen hatte sein Eingreifen vielleicht auf dem Gebiete der Paläographie. Für ihn gehörte die Schrift in die nächste Nachbarschaft der Sprache und somit in den weiteren Herrschaftsbereich der Philologie. Schwester der Sprache mußte sie deren Schicksale teilen. So wurde er der Neubegründer der Paläographie. Dagegen ist er, von seiner Erstlingsarbeit über karolingische Dichtungen und gelegentlichen kleinen Beiträgen abgesehen, auf dem Gebiete der Literaturgeschichte fast nichl; hervorgetreten. Vielleicht hätte er gerade hier seine anderen Leistungen noch übertroffen. Keine der großen Künste, in deren Arcanum er nicht eingedrungen wäre. Nie habe ich jemanden mit solch tiefer, nach innen gewandter Erregung Beethoven hören sehen, wie ihn. Ein Landschaftsbild, das er als Student malte, erregte noch nach Jahrzehnten Interesse und Bewunderung des Kommissars für die Berliner Jahrhundertausstellung und sollte für diese gewonnen werden---- Und wenn ich noch einmal mich selbst als Zeugen einführen darf: als ich ihn eines Tages über der Lektüre eines Dumasschen Romans antraf, und etwas naseweise Verwunderung bezeugte, meinte er mit freundschaftlicher Ironie: „Ja, sie sind entweder zu reif oder noch nicht reif genug dazu; ich lese ihn, weil er ein so ausgezeichneter Schriftsteller ist." Es war in feinster Formulierung die Lehre des Kenners von der Bedeutung der Form für das Wesen des Kunstwerkes. Wenn man sich mit diesem ästhetischen Feingefühl das tiefe Ethos des Philologen vereinigt denkt, so kann man ermessen, was verlorenging, weil ein früher Tod Traube nicht mehr erlaubte, sich auch diesem Gebiete seiner Wissenschaft zu widmen... — Es ergeht mir wie einem mittelalterlichen Autor: mit Persönlichem begann ich, mit Persönlichem muß ich wieder schließen. Das meiste oder vieles von dem, was ich sagte, würde Ludwig Traube billigen, den Grundgedanken, die Verschiebung des Schwergewichts seiner Wissenschaft um so entschiedener ablehnen. Vielleicht doch nicht ganz mit Recht... Auch die Wissenschaft wird von Menschen gemacht, nicht von Begriffen und Abstraktionen. Alles liegt daran, daß man den Ton formt und ihm Leben einhaucht. Welchen Namen er bekommt, ist gleichgültig. So glaube ich, daß diese Ausführungen keinen Versuch darstellen, über Traubes Vermächtnis hinwegzugehen. Ohne sein Wirken wären sie nicht entstanden; was sie Positives enthalten, stammt von der Saat, die er auswarf. Sie zeugen von einem Namen, den man immer nur mit Verehrung und Gefühlen des tiefsten Dankes nennen wird." Ludwig Traube wurde am 19. Juni 1861 als Sohn des großen Arztes zu Berlin geboren. In den klassischen Sprachen wurde Heinrich & Hugo Marx Bankgeschäft Gegründet 1898 München, Theatinerstr. 7/1 Eingang Maffeistr. Kapital- Anlagen, Conto-Corrent-Cr edite er frühzeitig im Elternhause unterrichtet. Auf dem Wilhelmsgymnasium, das er dann besuchte, zeigte sich rasch sein" hervorragendes Talent. Fünfzehnjährig blieb er durch den Tod der Eltern frühverwaist auf sich selbst gestellt. 1880 bezog Traube die Universität München, das seine zweite Heimat wurde. 1883 promovierte er und nach Jahren eindringendster Arbeit habilitierte er sich 1888 für klassische und mittelalterliche Philologie. In seiner akademischen Laufbahn erfuhr er die. herbsten Enttäuschungen. — Sein Schüler und vertrauter Freund, Professor Paul Lehmann, der Herausgeber des ersten Bandes „Ludwig Traubes Vorlesungen und Abhandlungen" schreibt hierüber An der biographischen Einleitung zu diesem Werke: .. „Unerquickliche Kämpfe, die sich jahrelang hinzogen, waren ihm seit 1899 beschieden. Nach zehnjähriger Lehrtätigkeit war er zuerst für einen Lehrauftrag, dann zum besoldeten Extraordinarius vorgeschlagen worden, aber die für ihn beantragte Professur erhielt ein jüngerer Kollege. Als dann 1901 die Fakultät den Antrag erneuerte, die Professur aber gar nicht ins Budget eingesetzt wurde, erklärte er seinen Rücktritt vom Lehramt. Der Fakultät und den Freunden gelang es mit vieler Mühe, ihn zu halten... Dank dem Eingreifen des Ministers, v. Crailsheim erhielt er zunächst ein unbesoldetes Ordinariat, für das dann zwei Jahre später auch das Gehalt bewilligt wurde. Schlimmer als diese Ungewißheit der ganzen Existenz wirkten auf Traubes empfindliches Gemüt die häßlichen Begleiterscheinungen. Es war nur zu bezeichnend: Lange Jahre hatte er in großartiger Unbekümmertheit um sein nicht unbeschränktes Vermögen der Wissenschaft jedes persönliche Opfer gebracht und Menschen aller Art aufs Freigebigste unterstützt und gefördert; nun wollten es selbst Männer, denen es nicht an Wohlwollen und Verständnis für ihn fehlte, befremdend finden, als auch er wie andere und minder Bedürftige seine Lehrtätigkeit nicht bloß mit einem Titel anerkannt wissen wollte ... Seine Autorität in allem, was Handschriftenkunde, Paläographie, Bibliotheksgeschichte, mittelalterliche Philologie betraf, war in der ganzen Welt unbestritten und von Meistern wie Leop. Delisle am rückhaltlosesten anerkannt ... Es ist wohl kaum zu bezweifeln, daß Traubes jüdische Abstammung eine gewisse Rolle bei jenen Kämpfen um die Professur gespielt hat. Es hat lange gedauert, bis die Verehrung, die auch katholische Gelehrtenkreise, namentlich hervorragende Benediktiner für Traube empfanden, die Abneigung der herrschenden Partei gegen Traubes Ernennung genügend abgeschwächt hatte. Über die Zumutung, durch einen Übertritt ohne Uberzeugung seine Laufbahn zu erleichtern, hat Traube wohl kaum je ein Wort verloren. Er hat auch mit den Vertrautesten über religiöse Dinge selten gesprochen; und wie er selber das Letzte nicht preisgeben mochte, so schien seiner Toleranz jeder Eingriff in die religiöse Gefühlssphäre eines andern immer verwerflich. Dem orthodoxen Judentum stand er fern, wenn ihm auch sein konsequenter Monotheismus und seine Freiheit von Dogmen sympathisch waren. Aber in der Rassenfrage hat bei ihm die Erinnerung an die leidenschaftliche Berliner antisemitische Bewegung zu Ende der siebziger Jahre lange nachgewirkt und ihn mit Trauer und Erbitterung erfüllt. Lange noch war ein Gespräch mit ihm über diese Dinge nicht leicht, ohne die Gefahr eines Mißverständnisses zu führen. Die Vorstellung, als ob er, der in Goethe und Lessing seine Lebensführer suchte und seine Arbeit der Geschichte der europäischen Kultur geweiht hatte, sich nun seiner Abstammung wegen nicht mehr als gleichberechtigter Deutscher und Europäer fühlen sollte, verletzte ihn um so schwerer, als auch der Vater, auf den er stolz war, damals viel gelitten hatte. Als die Bewegung wieder nachließ, und namentlich in den letzten Jahren ist an die Stelle heftiger Abwehr auch hier die. unbestechliche Klarheit seines Urteils getreten." ... — Trotz vielfacher körperlicher Beschwerden ruhte die geistige Tätigkeit Traubes nicht. Seine großen Arbeiten reiften der Vollendung entgegen — da erfaßte ihn die tödliche Krankheit, mit der er zweieinhalb Jahre lang in stillem Heldentum gerungen hat, bis der Tod ihn von seinen Leiden erlöste. . , Ehe die Leiche nach B e r 1 i n überführt wurde, fand eine Trauerfeier auf dem Schwabinger Friedhof statt, bei der von Kollegen, Freunden und Schülern Trauerreden gehalten wurden. Was Traubes Freunde an ihm verloren hatten, brachte Profesfor Brunn zum ergreifenden Ausdruck: ..Traube hatte eine kleine Welt geschaffen, in der er die Güte, die aus seinen Augen leuchtete, in reichstem Maße walten ließ. Diese Welt war sein gastliches Haus, sein Garten, waren vor allem die Menschen, die dort aus- und eingingen. Umgeschaffen, neugeschaffen hatte er sie fast alle, menschlich sie erziehend, wissenschaftlich sie bildend oder sie emporhebend aus Not und Trübsal. Sie wall-