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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-06-15 · 12 (15.6.1937) · p. Seite 232

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
12 (15.6.1937)
Date
1937-06-15
Page
Seite 232 (sequence 4)
Language
German
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232 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 12 So -sehr der Gottesdienst Mittelpunkt einer religiösen Gemeinschaft ist, kann sich die Arbeit einer Gemeinde doch nicht atuf ihn allem beschränken. Zu der Aufgabe, de er stellt, kommt eine zweite von. besonderer Bedeutung: Das Leben aus dem Geist und der Gesinnung der Religion heraus in seinen verschiedenen Formen zu gestalten. Daher ist von Anfang an ein umfassendes Gesaimtwerk geplant worden, das Gottesdienst und Schule, Volksbildung und soziale Arbeit im weitesten Sinne des Wortes uanfaßt. Gerade im der praktischen1 Bewährung wird sich entscheiden!, ob 'dieses religiöse Judentum eine leberigestaltende Kraft hat. Der geistigen und weltanschaulichen Ausednaindcrsetzuinig dienen/ Vorträge und Arbeitsgiemeiinschiatften. Im MitteLpunk der Arbei steht die Erfassung der Bibel als religiöse Quelle. Eine ungeheure Aufgabe für den, der weiß." wie sehr idlas Verständnis der Bibel als Ouele der Religion in Palästina verflacht ist, wie Bibel für weite Kreise nichts anderes mehr ist als ein Lehrbuch der Geschichte und Archäologie. Dieser Aufgabe werden besondere Lehrstunden gewidmet, die aber darüber hinaus auch den Zugang zu der Gesamtheit der Werte des jüdischen Geistes erschließen sollen. Die Voraussetzung für alle Bemühungen dieser Art ist der Gedanke, daß eine organische Entwicklung des religiösen Lebens die Kenntnis dieses Lebens selbst fordert. Man versucht auch, sich mit den geistigen Kräften, die Zeit und Leben beherrschen, in besonderen Veranstaltungen. Vorträgen und Diskussionsabenden auseinanderzusetzen. Wöchentlich finden Veranstaltungen statt, die über den religiösen Rahmen hinaus die Werke des allgemeinen Kulturlebens den breiten Volksschichten nahebringen. Musikalische Veranstaltungen, literarische und pädagogisohe Vorträge wechseln miteinander ab. Bin Lesesaal, dem bereits die wesentlichen Zeitungen zur Verfügung stehlen, uinldl eine Bibliothek, die zwar noch im den Anfängen steckt, aber schon in nächster Zeit erheblich ausgebaut wenden soll, dienen der Verbreiterung und Unterbauung der Veranstaltungen. Die Jugend;, besonders die erwerbstätige Jugend, findet auf diese Weise einem Rahimeni, .der für ihre Eingliederung in eine religiös bestimmte Gemeinschaft wesentlich ist. Man faßt die Jugenid1 in Heimabenden zus'ammen, in denen sie in die Fräsen der hebräischen und der aligemein europäischen Kultur eingeführt werden). Die Schuljugend ist in großer Zahl mit dem Gottesdienst verbunden, und wird darüber hinaus (durch regelmäßige Jugendnachmittage, für die eine Jwgendbibliothek zu Verfügung steht, erfaßt. Schließlich sind Ansätee zu einer wirksamen Sozialarbeit vorhanden. Die Arbeit steht noch im Anfang. Die Gemeinde, mm die man ringt, ist noch im Werdien. Aber man sieht schon ihre Gestalt. Man kann sieh auf Grund der vielseitigen! Ansätze sehr gut ein Biid davon machen, was hier wenden soll: xein kulturelles und soziales Werk, das auf der Grundlage einer .löbensnahen und liebensverbundenen/ Religiosität ruht. Und es ist wunderbar, die gläubige Gewißheit zu spüren, die alle diese Menschen in ihrer Arbeit beseelt und die diesen Versuch zum Gelingen' führen wird. Der Wegweiser für unsere Zukunft Von Hans Loeb (früher München). Die nachfolgenden Zeilen hat ein siebzehnjähriger Junge von der Jugend-Alijah-Gruppe in Tel-Jossef geschrieben, der sechs Jahre die Münchener Mittelschule besucht hat. Der Geist, der aus diesem Aufsatz spricht, ist charakteristisch für fast alle Gruppen der Jugend-Alij ah. Am Dienstag, den 5. Januar, ging die Gruppe „Hasadeh" zur Ansiedlung in die Gegend von Beth Schan, in der Nähe des palästinensischen Grenzlagers. Die Vorbereitungen zu diesem bedeutenden Schritt waren schon wochenlang vorher bemerkbar. Die in Aussicht genommenen Böden waren mit Weizen besät worden — als Vorsorge gegen Besiedlung oder Bearbeitung durch Araber. In Ain Charod waren die Holzhäuser und die Chazaz-Wände (das sind Wände, die aus Eisenblechplatten bestehen, zwischen denen sich eine breite Schicht kleiner Steine, Chazaz, befindet) aufbaubereit fertiggestellt worden. Der Scheinwerfer war auf einem Lastwagen betriebsbereit aufmontiert und alles wartete nur auf das schöne Wetter. Immer wieder aber mußte die Besetzung des Bodens wegen des außergewöhnlich starken Regens verschoben werden. Aber nun endlich war es so weit — es konnte losgehen. Die Wege waren einigermaßen getrocknet und man hoffte auf eine regenlose Woche. Alle Siedlungen des Emek hatten außer Traktoren, Lastwagen und Fuhrwerk ungefähr hundert Mann an Polizisten und Arbeitern bestellt, die am ersten Tag bei den Aufbau- und Sicherheitsarbeiten helfen sollten. Galt es doch, an einem Tag Drahtzaun, Chazazmauern, Wachtturm und Holzhäuser fertigzustellen, um für die erste Nacht Unterkunft und Sicherheit zu schaffen. Aus unserer Gruppe wurden zwei Mann ausgewählt, die diesen ereignisreichen Tag miterleben durften. Wir, die „Zurückgebliebenen", waren -nun natürlich sehr neidisch und enttäuscht, denn jeder hatte doch im Stillen gehofft, daß auch er dazu ausersehen würde, mitzuhelfen. Wir arbeiteten an diesem Tag glücklicher- oder unglücklicherweise neben der Straße nach Schattah bei einer äußerst sinnvollen und bedeutsamen Arbeit: Giftstreuen in Mauselöcher. Also kurz und gut: wir sahen ständig die mit Material und lachenden Menschen voll belader nen Lastwagen nach Beth Schan fahren — und auf einmal saßen wir, fünf Mann hoch (d.h. vier Jungen und ein Mädel), auch auf so einem Auto, waren von der Arbeit ausgerissen und — mit dabei. (Über etwaige Nachspiele wegen Verlassen des Arbeitsplatzes machte man sich keine unnötigen Sorgen. Es war für uns bedeutend wichtiger, eine neue Siedlung aufbauen zu helfen, als Mäuse zu töten.) Wir waren also dabei, haben mitgeholfen bei Chazaz, beim Aufstellen der Häuser und bei all den anderen tausend Arbeiten. Wir haben geschwitzt, wir haben geschuftet wie noch nie früher an einem Arbeitsplatz, aber wir haben, glaube ich, auch noch nie eine solche Befriedigung in der Arbeit gespürt wie an diesem Tag. Nachmittags hat es, entgegen allen Voraussagen, geregnet. Wir mußten im Regen zwei Stunden bei Dunkelheit mit dem Traktor heimfahren, aber die Begeisterung war nicht weggewaschen worden, sie war geblieben. Und es war wohl jedem von uns Fünfen klar, daß wir

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