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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-06-15 · 12 (15.6.1937) · p. Seite 230

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
12 (15.6.1937)
Date
1937-06-15
Page
Seite 230 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 12 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 230 ration eine Hoifiiniunig gibt, so ist das schon eine außerondentäieh große Sache." So gesprochen im Jahre 1932, und wenige Seilen später «finden wir das Referat, das Ruppin unter dem Titel „Die Ansißdtag von Jpten aus Deutschlaad in Palästina" auf dem XVni. Zionästenäconigreß in Prag 1933 gehalten hat Die Untertitel „Auswanderung — der einzige Ausweg" naad' „Einwanderungsland Palästina" weisen den Weg, den nicht nur der Gedainke, sonder« auch die Praxis geht. 2. Baldwin. Fast unmittelbar vor dem Zeitpunkte, zu dem die britische Regierung berufen sein wind, den Bericht der Königlichen Kommission zur Kenntnis zu nehmen und über ihn zu entscheiden, ist der Ministerpräsident Stanley Baldwin aus seinem Amte geschieden. Es wäre falsch, wollten wir glauben, Baldwin sei für die jüdischen Interessen besonders eingetreten, oder wollten wir etwa zum Ausdruck bringen, der Anspruch dier Juden auf Palästina hätte in ihm einen besonders warmen Befürworter gefunden. Von beiden kann keine Rede sein. Baldwin1 war englischer Minister, er fühlte sich ganz als Leiter des Imperiums, als Lenker der Geschicke des Wettreiches, und' in diesem Zusammenhange spielte für ihn die iüddsche Frage nur eine untergeordnete Rolle. Aber Baldwin ist ein) Mann von tiefer Rechtlichkeit, in ihm lebt ein starkes Gefühl für die Tradition. Wie sehr dieses Gefühl lebendig in seiner Persönlichkeit zum Ausdruck kommt, zeigen die letzten Monate seines amtlichen Wirkens, beweisen die eindringlichen Reden, die er gehalten hat, bevor er von der politischen Bühne abgetreten ist. Tdef waren Ais seiner Persönlichkeit alle Gefühle für Religiosität entwickelt, von ihm strömte ein Zauber aus, der diesen klaren politischen Kopf fast zum Visionär machte. Baldwin war konservativ aius der ganzen Anschauung seines Lebens, er vertraute sich den erhaltenden Kräften, er glaubte an das Wirken der Tradition, er fühlte, daß sie ein Volk adeln konnte. Aus solchen Quellen strömte sein Interesse für den Aufbau Palästinas, aus diesen tiefen Urgründen erwuchs seine Beziehung zum Volk der Bibel. Das brdtische Weltreich hat in Baidiwin einen Hüter sedner Tradition gehabt, jedoch 'die politischen Persönlichkeiten in England pflegen auch nach dhrem Scheiden aus den höchsten Ämtern nicht völlig allen Einfluß zu Verlieren. Baidwim hat vom Unterhaus ins Oberhaus hinübergewechselt. Dort wird wahrscheinlich seine Stimme zur Geltung kommen, wenn besondere Gelegenheiten ihm!zum Sprechen Anlaß geben. In ihrer Würdigung von Baldwin anläßlich seines Rücktritts vergleicht die „Times" den scheidenden Premierminister mit Disraeli. Die Zeitung sagt von Baldwin: „Er hat es verstanden, die Haltung einer fast bäuerischen Einfachheit mit seltenem politischen Scharfsinn, eine offenkundige Gleichgültigkeit gegenüber Kritik mit unbarmherziger Fähigkeit, seine Feinde niederzuringen, einen Konversationsstil des Ausdrucks mit der Fähigkeit, wie ein Barde seine Zuhörerschaft zu rühren, zu vereinigen. Diese erstaunliche Vielseitigkeit ist es, die ihm zuweilen den Ruf einer Sphinx, eines Rätsels, eines Abbildes von Disraeli eingetragen hat, für den er in Wahrheit eine tiefe Bewunderung hatte, aber von dem er sich fast in jeder Eigenschaft so weit unterscheidet, als überhaupt ein Mensch von einem anderen sich unterscheiden kann." Im neuen Kabinett, dessen Vorsitz an Neville Ohamberlain übergegangen ist, befinden sich zwei jüdische Persönlichkeiten. Der bisherige VerkehTsmindster Hore-Belish» ist zum Kriegsminister ernannt worden, Sir Philip Sassoon, der dm Kabinett Baldwin Unterstaatssekretär für die Luftfahrt war, ist Minister der öffeptJichenArbeiten geworden!. Während der Kriegsminüster Hore-Belisha den Rang eines Kabmettministers hat gehört Sir Philip Sassoon dem engeren- Kabinett nicht an. Sir Philip Sassoon entstammte eöner alten sephardischen Familie. 3; Die Aussichten jüdischer Einwanderung nach Latein-Amerika. Die Hias-Ica-Immigration Association (HICEM) veröffentlicht in der letzten Nummer ihres Bulletins einenAuszug aus dem Bericht, den der New Yorker Direktor der Hias, Morris Asofsky, nach einer Studienreise durch Venezuela, Curacao, Panama, Guatemala und Mexiko über die Verhältnisse in diesen Ländern und die Aussichten jüdischer Einwanderung erstattet hat. E§ wird in idem Bericht festgestellt, daß diese Länder im Begriffe stehen, ihren inneren Aufbau nach dem Vorbild der Vereinigten' Staaten umzugestalten, eine Aufgabe, die im Hinblick auf die Rückständigkeit der Bevölkerung sehr schwierig ist. Während die Einwanderung nach den latein-amerikanischen Ländern bis zur Einstellung der Masseneinwanderung nach den Vereinigfemf Staaten frei war, sind' seither immer neue Einschränkungen verfügt worden, so daß die Einwanderung jetzt so gut wie vollständig gesperrt ist. Maßgebend hierfür sind vier Grünide: 1. Haben sich alle diese Länder noch nicht von dien Folgen der Wirtschaftskriseerholt, so bringt z. B. in Guatemala, der Kaffee-Export, der der hauptsächlichste und. fast einzige Wirtschaftszweig dieses Landes ist, nur noch ein Achtel dessen ein, was er vor der Krise eintrug. 2. Ist mit Ausnahme von Mexiko in keinem dieser Ländler eine Industrie entwickelt; es besteht somit für Einwanderer nicht die Beschäftigungsmögliehkeit in industriellen Betrieben und die Geschäftsmögliehkeiten im allgemeinen sind infolge der geringen Kaulkraft der Bevölkerung sehr begrenzt. 3. Wurden zum Zweck der Arbeitsbeschaffung für die eingeborene Bevölkerung Gesetze erlassen, die vorsehen, idlaß mindestens 75 Prozent der Arbeitskräfte jedes Unternehmens aus Einheimischen bestehen müssen; die niedrigen Löhne in den vorwiegend in ausländischem Besitz befindlichen Handelsunternehmungen reichen zur Bestreitung des Lebensunterhaltes von Einwanderern nicht aus. 4. Besteht überall eine Furcht vor der Einschleppung unerwünschter politischer Ideologien; man wird die Behörden erst davon überzeugen müssen, daß bei den von den jüdischen Emwanderungshiltfskomitees ausgewählten und empfohlenen Kandidaten die Furcht vor dieser Gefahr unbegründet ist. Da jedoch die Einwanderungspolitik dieser Länder sich nach derjenigen der Vereinigten Staaten richtet, wo die Besserung der Wirtschaftslage 'bereits zu einer großzügigeren Handhabung der Einwanderangworschriften geführt hat, gibt Direktor Asofsky der Hoffnung Ausdruck, daß es .auch in den Ländern Süd- und Mittelamerikas zu der Abschaffung gewisser einschränkender Maßnahmen kommen wird. Wesentlich hierbei ist auch, daß die mit Ausnahme Mexikos, wo es über 7000 Juden gibt, zahlenmäßig sehr kleine jüdische Bevölkerung dieser Länder eine jüdische Einwanderung wünscht, um die Schaffung des für die religiöse und nationale Erziehung der Jugend notwendigen Milieus zu sichern. Die Lage in den einzelnen Ländern. In Venezuela leben 3 Millionen Menschen auf einem Gebiet von 1 Million Quadratkilometer. Das Klima ist tropisch, aber nicht ungesund. Der Boden sehr fruchtbar, der Reichtum an Naturschätzen, Petroleum, Gold, Edelsteinen usw. groß. Von der tausend Seelen stanken jüdischen' Bevölkerung leben etwa 450 in der Hauptstadt Garacas. Alle, auch die in neuerer Zeit eingewanderten meistens aus Rumänien stammenden Asehkenasim, sprechen Spanisch. Die Regierung steht einer Einwanderung ausgewählter Elemente nicht ablehnend gegenüber. Aussichten bestehen für Landwirte, denen die Regierung sogar Boden zur Verfügung zu stellen beredt ist, und für Ingenieure und Techniker, (dagegen1 nicht für Kaufleute. Unbedingt erforderlich ist, daß derjenige, der einzuwandern wünscht, im Besitze eines mit einer im Lande ansässigen Person abgeschlossenen Arbeitsvertrages ist. In Garacas wurde ein idler HICEM angeschlossenes Hilfskomitee gegründet, das gegebenenfalls die erforderlichen Arbeitskontrakte besorgt. Curacao. die größte Insel der niederländischen Antillen, hat eine fast durchweg aus Eingeborenen (bestehende Bevölkerung von 50000 Seelen. Es leiben dort 700—£00 Sephardim und etwa 100 vorwiegend rumänische Asehkenasim. Antisemitismus ist unbekannt. Für die Zulassung zur Einwanderung ist ebenfalls die Vorweisung eines "Arbeitskontraktes erforderlich. Von den 450 000 Einwohnern Panamms leben 70 000 in der Häuptstadt Panama und 32 000 in Colon, wo auch fast alle vierzig jüdischen Familien des Landes leben. Für die Einwanderung ist es erforderlich, idiem Zulassungsgesuch eine Kaution von 120 Dollar beizufügen. Diese Summe wird dem'Einwanderer zurückerstattet, wenn er das Land vor Ablauf eines Jahres verläßt.

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