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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-06-15 · 12 (15.6.1937) · p. Seite 229

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
12 (15.6.1937)
Date
1937-06-15
Page
Seite 229 (sequence 1)
Language
German
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#0yenfd)e Jfcoclitifrfjc ^cmcinöcscitung MadpU^tenWaitf^^ imfl 6t$ Hktfamtittf©agedfdjec 3ftadMftf)ec<Bememö*n Erscheint am 1. u. 15. Jeden Monats. ^-Verlag: B. Heller, München, Bezugspreis RM. —.60 pro Vierteljahr, RM. 2.40 für das Jahr, Plinganserstr. 64. Fernruf 73 6 65. Postscheck München 39 87, Anzeigenpreis: Geschäftsanzeigen nach aufliegendem Tarif. Herausgeber: Verband Bayerischer Israelitischer Gemeinden. Kleine Anzeigen und Stellenmarkt ermäßigter Sondertarif. XIII. Jahrgang München, 15. Juni 1937 Nr. 12 Inhalt: Blick über die Grenzen — Ein Menschlein — Der Wegweiser für unsere Zukunft — Pflege der hebräischen Sprache — Ludwig Traube zum Gedächtnis — Aus der Gemeinde München — Jüdischer Kulturbund in Bayern, Ortsgruppe München — Zionistische Ortsgruppe München — Mitteilungen des Jüdischen Lehrervereins für Bayern — Staatszionistische Organisation, Ortsgruppe München — Jüdischer Turn- und Sportverein München e. V. „Jtus" — Aus der Gemeinde Augsburg — Aus bayerischen Gemeinden — Bücherschau — Geschäftliches — Amtlicher Anzeiger: Bekanntmachungen des Verbandes Bayer. Israel. Gemeinden: Bekanntmachung betr. Mustersatzungen des Verbandes für kleinere Gemeinden; Bekanntmachung betr. Auflösung der Israelitischen Kultusgemeinde Gochsheim. — Bekanntmachungen der Israelit. Kultusgemeinde München: betr. Einheitssatz zur Einkommenssteuer; betr. Einhebung der Betstuhlmieten für das Mietjahr 1937/38; betr. Jahresrechnung 1936/37; betr. Gemeindekartei — Personalia. Blick über die Grenzen 1. Erkenntnis und Vorherschau — 2. Baldwin — 3. Die Aussichten jüdischer Einwanderung nach Latein-Amerika 4. Der Versuch einer religiösen Belebung in Palästina 1. Erkenntnis und Vorherschau. Von Dr. Lothar R o t h s c h i 1 d (Saarbrücken). An dem Taig, an dem ich diese Zeilen: schreibe, begeht die Zionistische Vereinigung 'für Deutschkind die Feier ihres vierzigjährigen Bestehens. Tiefgreifende Veränderungen) sind in der jüdischen Welt während dieser Zeit vor sich gegangen; viele Juden, die aus jovialem Wohlwollen ein Werk für ihre „armen Brüder" gelegentlich unterstützten, finden sich plötzlich selbst •unter diesem armen Brüdern wieder, denen es eine Heimstätte aufzurichten gilt. Unter dem Begriff des Zionismus, wie ihn Herzl gescha/ffen unid! ausgewertet hat, ist wohl hauptsächlich die diplomatische Arbeit zur Wiederkonsolidierung unseres Volkes zu verstehen. Niemals vergessen darf man aber, daß Zionismus älter ist als Herzl, daß er vorher nur nicht diese begeisternde Form und diese umspannende Organisation gefunden hatte, sondern in den Herzen idierdenigein Juden lebte, für die Israel eben ein Begriff der Selbstverständlichkeit war. „Erez Jisroel" lag sicher >und fest in den Gebeten .und den Schriften jüdischer Gelehrter; man wußte nicht anders. Der Westen wußte anders — und ihn dem Volksgedanken zurückzugewinnen hieß keineswegs, reaktionären jüdischen Nationalismus im eine Zeit offenstehender Möglichkeiten der liberalen Weltondnumg hineintragen, sondern ©s hieß Augen und Ohren öffnen und sich dann auf sich selbst zurückbesiranen. Wir lesen heute viele Stellen in Herzls Tagebüchern und Schriften -mit beinahe erschüttertem Herzen und fragen uns immer wieder: „Wieso hat man das nicht gewußt? — Wir können es anderseits der Generation von vor dem Krieg nachfühlen, daß sie sich in ihren erworbenen Reohten in Staaten, für die sie auch ailles hinzugeben bereit war, keinen Gedanken daran eröffnen wollte, die ihnen zum Bewußtsein brachten, daß das Schicksal, das über der Geschichte als Unstetheit, Vertriebenwerden und Wandennimüssen steht, wieder löbentd'ig werden könne; man (glaubte, die Zeit bleibe in jener Geruhsamkeit stehen. Sie blieb es .nicht, und der Zionismus hat recht behalten. In erster Linie ist Zionismus Festigung unserer Gemeinschafft, ist er Rückbesinnunig aiuf uns selbst, dann auch die Möglichkeit, aus der Erfahrung jüdischer Geschichte heraus Situationen zu begegnen. Vielleicht" sieht es oft wie ein Ausweichen aus, — das ist eine Frage des Zwanges, unter dem man handelt. Nimmt man das Schicksal etwa mit chaliizischer Unbeidtaimerthelt auf, ohne dabei den methodologisch und kulturell günstigen Einfluß Westeuropas zu vergessen, so ist es nicht mehr Ausweichen, sondern Aufbauen, nur anderswo, aber nicht irgendwo, soindenn dort, wo wir hoffen dürfen, zu Hause zu sein. Vorderster Pionier der praktischen Palästinaarbeit, aus dem Kreis der deutschen Zionisten stammend, schon über 30 Jahre in Palästina, ist Arthur Ruppin. Seit einigen Wochen haben wir Gelegenheit, ihn in dem prachtvollen Buch „Dreißig Jahre Aufbau in Palästina" (Süfoooken-Veriag 1937) durch seine Reden und Schriften kennenzulernen. Man weiß heute mitten in der Selbstverständlichkeit des Palästinaaufbaus und der fast von allen Kreisen des jüdischen Volkes anerkannten Grundsätze der Chaluziut, der Kwuza und der städtischen Siedlungen nicht mehr, diaß das von Ruppin damails begründete Palästinaamt in Jaffa nicht nur bei der Judenheit der Welt, sondern auch in Palästina selbst die Rolle eines Rufers in der Wüste auszuführen hatte. Angesichts seiner führenden Bedeutung interessiert uns besonders, was Ruppin 1932, als er auf dem Delegiertentag der Zionistischen Vereinigung für Deutschland in seiner Rede „An die deutschen Zionisten" die Hegemonie der zionistischen! Idee forderte, ausführte: „Es ist möglich, daß die Geschichte heute andere Bahnen geht, aber die Zurückdrängung der Juden aus den von ihnen in Jahrhunderten schwer eroberten Positionen zeigt, daß die Laige der Juden keine stabile ist daß sie in keiner Weise in ihrer Situation gesichert sind, und daß der Traum des Liberalismus und des Humanismus eben nur ein Traum ist, daß eine völlige Gleichstellung der Juden, solange sie Juden bleiben, eine sehr fragliche Sache ist. In dieser Lage kann der Zionismus, kann Palästina für die Juden eine ungeheure Rückenstärkung sein. Palästina wird nicht für alle Juden dieselbe Bedeutung haben. Die einen werden nach Palästina gehen und sich dort auf neuem Boden verwurzeln, 'die andern, dtte das nicht können, werden versuchen, für ihre Rinder dort Existenzmög- Mcukeit zu schaffen, für diese jungen Memisohen, deren Zukunft heutzutage eine so trostlose ist. Es.'ist eine schreckliche Tragik, daß eine Generation aufwächst von (begabten- und arbeitswilligen jungen Juden, die keine Aussicht haben, ihre Kräfte in ihrem Geburtsland zu" betätigen. Wenn der Zionismus «dieser Gene-

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