Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 11 (1.6.1937)
- Date
- 1937-06-01
- Page
- Seite 219 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 219 auch Kleutsch, unter sich russisch und jiddisch. Die amtlichen Bekanntmachungen waren in Englisch und mit hebräischen Buchstaben in Jiddisch angeschlagen. Die auch Eingewanderten, so hörte ich, brachten es durch große Sparsamkeit und hervorragenden Fleiß in kürzerer oder längerer Zeit au Wohlstand, zu Auto- und Hausbesitz. Die Konkurrenz betrachten sie mit nicht gerade freundlichen Augen. Wie die Lage sich in späteren Jahren gestaltete und heute ist, entzieht sich meiner eigenen Kenntnis. Ernest Bloch Ein Beitrag zum Thema: Jüdische Musik von Dr. Ernst Petuchowski, Berlin Um die Jahrhundertwende brach wie eine Sturzflut eine neue Bewegung in das Gebiet deir Tonkunst ein. Längst versiegt .geglaubte Quellen öffneten sich wieder. Das nationale Musikbewußtsein erwachte. Da holte man die alte Volksmusik wieder (hervor. Derartige Strömungen', diese Art Musik wissenschaftlich zu untersuchen, sie als direkte melodische Anregung in 'die neue Entwicklung einzubeziehen, tauchten in Umgarn, Böhmen. Rußland auf. Es war dies (dieselbe Zeit, in die auch die Anfänge einer Renaissance des Judentums fallen. So ist es nicht zu verwundern, 'daß sich auch für das Judentum ein Mann Sand, der als Mittler, als Instrument, um geschichtlich Notwendiges mitzuteilen, auftrat. Man könnte leicht arMehmen, 'daß dieses Mannes Wiege im Osten Europas stand, dort, wo noch intensives jüdisches Wesen eine Stätte hat, wo man noch ausgeprägt jüdisches MiMeu findet. Doch dieser Mann kam aus dem Westen, aus der Schweiz, noch diazu aus einer wenig judischen Umgebung. Es ist Ernest Bloch. •Im Jahre 1880 in Genf geboren, zeigte er schon frühzeitig gute musikalische Anlagen. Zuerst von Jaques Dalcroze unterrichtet, waren weitere Stationen seiner Ausbildung Frankfurt am Main, München und Paris. 1904 kehrte Bloch nach Genf zurück und blieb hier bis 1916. Schon bei äußerlicher Betrachtung seiner Werke fällt bei Bloch auf, daß er sich als Unterlagen hierfür meist jüdische Themen wählt. In dieser Zeit entstanden drei Biblische Psalmen (für Bariton und Orchester), eine hebräische Rhapsodie für Violincello und Orchester „Schelomo", eim großes symphonisches Werk „Jsrael". 1910 wurde sein lyrisches Drama „Macbeth'" auf einen Text des jüdischen Dichters Edimond Fleig (nach Shakespeare) in Paris, mit Erfolg aufgeführt. 1916 ging Bloch nach Amerika, wo er vom Jahre 1920 an das große Cleveland Institute of Music als Direktor leitete. Dort entstanden zahlreiche Klavier- und Kammermusik werke. Für eine Suite für Viola und Orchester erhielt Bloch den berühmten hochdotierten Goiolidge-Preis. Wieder biblischem Stoff entlehnte er seine zweite Oper „J e z a b e 1" und ein großes symphonisohes Werk „Baal-Schern". Nur noch ein Werk Blochs soll in dieser kurzen, nicht auf Vollständigkeit Anspruch erhebenden Aufzählung 'erwähirut werden: der Freitagabend^Sonnajbend-iVonmiittag-Gottesdienst „Awodath Hakodesch", dessen Ausführung in einer Berliner Synagoge noch in lebhafter Erinnerung sein dürfte. Soweit die äußeren Tatsachen. Wenn wir nunmehr ein Bild seines Schaffens geben wollen, werden wir von einem Punkt ausgehen, der häufig als Argument gegen ihn gebraucht wird. Versuchen wir nämilioh, Bloch einen Platz im allgemeinen Musikschaffen unserer Zeit anzuweisen, bemerken wir, daß er eine Art Zwitterstelltung einnimmt. Man kann ihn weder rechts noch links einreihen. Es darf nicht wundernehmen, daß Bloch besonders in Amerika vielen als zu revolutionär, als formlos erschien und als zu modern abgelehnt wurde. Denn wir haben es in Amerika — trotz allem gegenteiligen Anschein — mit einem in 'dier Kunst rückständigen Lande zu tun. Im Gegensatz hierzu lehnen ihn europäische Kreise, die auf die neue Richtung —■ iunid nur auf diese — eingeschworen sind, als zu wenig originell und teilweise epigonenhaft ab. Beide Urteile sind oberflächlich. Bloch ist ein Musiker, der sich nicht um Programme gekümmert hat. Er hat sich seinen eigenen Stil geschaffen. Trieb ihn seine Inspiration dazu, warf er die alten Regeln und Gesetze beiseite. Er hart neue harmonische und formale Möglichkeiten nie um ihrer selbstwillen aus dem Verstand heraus ersannen. Im wesentlichen durchaus tonal fundiert, begibt sich i/VV\AAAA^^A^A^^VVVVVVVVVVV\^A^A^ Schicksalslied Wenn wir wandern müssen, wandern wir zusammen, du und ich. Unsere Hände schließen sich treu: der eine für den andern! Unser ist noch Licht und Leben und die Welt so weit, so weit-- Lieder, hell und ganz befreit, sind uns auf den Weg gegeben. Deine Schritte werden zage? Höre meinen festen Schritt! Meinen Herzschlag fühle mW Blicke vorwärts! Geh und wage! Tränen füllen schwer dein Denken? Weine sie und werde leicht! Mut, der an die Sterne reicht, wird dein Sehnen groß beschenken. Deine Arme wollen sinken? Sieh: die meinen sind gesellt stark, zu tragen eine Welt, deren Fahnen ferner winken. Nacht will dir dein Leuchten rauben? Trink aus meinen Augen Licht! Unsre Wege dunkeln nicht, wenn wir ihre Ziele glauben! Hilde Marx P/V\VVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVVl Bloch, da wo es bestimmte Wirkungen erheischen, in tonartfreie Regionen. Fast alle Kompositionen Blochs sind gleichzeitig Virtuosenstücke für die Instrumente, für die sie geschrieben sind. So zeigt z. B. der Cellopart im „Schelomo" eine derartig meisterhaite Kenntnis der Möglichkeiten dieses Instrumentes, wie man sie in der 'gesamten Literatur selten wiederfindet. Aber diese Vu'irtuosenstücke sind keineswegs hohl, unaufrichtig, sondern wachsen innerlich aus der Komposition hervor, organisch bedingt. Blochs virtuosenhafter Stil, ebenso wie alle anderen Wesenheiten seiner Musik sind nur Teilerscheinumgen einer einzigen, ihn ganz erfüllenden Kraft: seines Juidentumes. Besondere Bedeutung gewännt sein unverkennbar jüdischen Typus tragendes Werk, weil hier das Jüdische nicht aus dem Verstand heraus geboren wurdie. Viele mehr oder weniger begabte jüdische Komponisten halben seit Blochs erstem Hervortreten um die Schaffung einer jüdischen Kunstmusik gerungen. Zumeist stammen diese Komponisten aus einem viel tieferen jüdischen Milieu als Bloch. Diese Komponisten halten sich auch sicherlich viel strenger ian die Überlieferung, an die Form der alten jüdischen Synagogal- und Voiksgesänge. Dennoch glauben wir, reicht keiner von ihnen an Bloch heran. Gerade weil hier ein großer Musiker sich nicht anders ausdrücken kann als in jüdischer Art und Weise, wirkt Blochs Werk überzeugender und jüdischer als alle die Werke jener Komponisten. ^*BS in der Dienersfrafje Das Haus für vornehm-gediegene Wäsche