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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-06-01 · 11 (1.6.1937) · p. Seite 218

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
11 (1.6.1937)
Date
1937-06-01
Page
Seite 218 (sequence 2)
Language
German
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21% BayeriscHe Israelitische Gemein'dezeitung Nr. 11 „Und Sie?" ■frag er mioh. „Ich -bin Jude." Da drückte er uns beiden die Hand mit den Worten: „Unser Herrgott liebt alle Menschen, die anderen Gutes tun." Und .unsere Schwester Rpsinia meinte gelegentlich: „'Das glaub i not, daß Sie in d'Holl' kommen, weil S'a Ketzer san. Wer gegen die armen Kiniderln so brav is, den nimmt der liebe Gott schb in Hümmel edni." •Nach München zurückgekehrt, wunde mir nahegelegt, mich zu habiStieiien. Ich sah davon ab, denn "unsere medizinische Fakultät wollte damals von jüdischjen Dozenten nicht viel wissen. Später besserte sich die Stimmung. Immer jedoch blieb die Zahl der jüdischen Universitätslehrer in Bayern sehr gering. Wenn sie aber zu dieser Würde gelangten, soi förderten säe mit Eifer die Wissenschaft. Kriegs- und Nachkriegszeit Zu meinen nachhaltigsten Erinnerungen zählen diejenigen aus dein Weltkrieg 'und der Nachkriegszeit. In den ersten Tagen des Dezembers 1914 aus monatelangem, unfrei willigen-Aufenthalt <ki Havanna oder richtig gesagt, freiwilligem1 Arztdienst auf einem deutschen, vom der Reichsmarine als Hilfsschiff gechartetem Handelsdamptfer zurückgekehrt, stellte ich mich, sofort bei der Sanitätskolonne vom roten Kreuz, welcher ich seit vielen Jahren als Arzt zugehörte. Außer beim Bahimofkommando München in geregeltem Turnus während der vier Kriegsjahre und der Demobilisierung -hatte ich bei der Verteilung der mit den Lazarettzügen angekommenen Krieger auf die Münchener Lazarette und der Überführung in dieselben zu tun. Wieviel Jammer, wieviel Unglück, wieviel Mut und Vertrauen lernten wir kennen. Eine Reihe von Kolonnenärzten, darunter auch einige jüdische, bis sie zum Heeresdienst einberufien wurden, und die Sanitätsmannsohaften, darunter ebenfalls eine Anzahl Juden, folgten den Weisungen des Lazarettdireiktors Generalarzt von Dessau« r, welcher erfüllbare Wünsche der Verletzten und ihrer Angehörigen möglichst und gerne 'berücksichtigte. Gar manchmal mußten auf sein Geheiß unter den vielen Gekommenen jüdische Soldaten ausgesucht werden, welche im israeitischen 'Krankenheim untergebracht wenden wollten. Manchen Zug Kriegsverletzter unterschiedlicher Konfession geleitete ioh in den eigens dalfür eingerichteten Trambahnwagen als Kolonnenarzt in diese segensreiche Anstalt, welche dem Gedanken und dem Eifer Dr. August Feuchtwangers ihre Entstehung verdankt bei der auch ich mitwirken konnte. Trotz der Versailler Verträge mit ihren " schmachvollen Bedingungen kämpften begeisterte Deutsche noch freiwillig für umstrittene Gebiete weiter, so um (die Ruhr, um Gberschlesien. Uniter den mutigen hoffenden Kämpfern waren auch Juden, welche so ihre Vaterlandsliebe bewiesen. "Auch mein Sohn war bei ihnen, später beim ZeitfreiwMigenkorps Oberland, bei den Münchener Befreiungskämpfen im Mai und schMeßlich jüngstes Mitglied als ausgebildeter Masohinengewehrschütze der Einwohnerwehr. Bis sie behördlich aufgelöst wurde, war ich in ihr Bezirksarzt, von meinen Kollegen dazu bestimmt. Die aus diesem Selbstschutz hervorgegangenen Bezirksverbände verzichteten auf die zahlreichen Juden, welche in der Teilnahme an der Einwohnerwehr eine vaterländische Pflicht gesehen hatten. In den Maitagen der Befreiung München® von der Räteregderung durch einziehende Truppen war ich mit meinen wackeren Sanitätsleuten bemüht, mitten in den schweren Kämpfen zwischen Maxamilianspilatz. Stachus, Bahnhof Verwundete beider Kamptfteile zu bergen, in unserer Nothilfswache -zu versorgen und wenn nötig und bei dem selten aussetzenden Geschützfeuer möglichst in die chirurgische oder Haas'sche Klinik zu verbringen. Ein jüdischer, junger Kaufmann vom Karlsplatz trug die Flagge des roten Kreuzes voran, um freie Bahn zu. schaffen, um Gefechtspause während der Transporte zu erzielen. Zwei jüdische Ärzte, am Karlstorrondell wohnend, stellten sich freiwillig zur Verfügung. Es waren schreckliche Tage. Auch Tote gabs auf beiden Seiten. Als die ersehnte Ruhe und Ordnung eingetreten war, erzählte mir ein hoher Medizinalbeamter, daß für die allernächsten Tage er und ich auf der Geiselliste der Roten vorgemerkt waren. Auf Reisen Bei .meinen verschiedienen Urlaubsreisen hätte ich vielleicht jüdischen Verhältnissen und Beziehungen mehr Aufmerksamkeit schenken können und sollen, als ioh tat, und jetzt reumütig eingestehe. Trotzdem sah mein Auge im Fluge da und dort Bemerkenswertes, und die Erinnerung daran blieb. Besonders viel boten zwei. MrtteMeerreisen.. Schon in Algier, noch mehr in Tunis und in Konstantine änder Nordküste Afrikas fielen die Jüdinnen mit ihren hohen'spitzen Hauben und ihren weiten Pluderhosen auf, an Sabbaten und deren Vorabenden in Seide und reichgeschmüökt, schwer beweglich durch ihre Fülle, die Mädchen frühreif, die Frauen rasch alternd. In. Tunis und in (Konstantine arbeiteten in den Suiks, den Bazaren fleißige jüdische Söhu&ter, Ciseleure und Goldschmiede. Als unsere Reisegesellschaft in Konstantine die Synagoge besuchte, wären - die Beter gerade im Minchagebet begriffen und.ließen sich nicht stören, auch nicht, als ihnen beim Hinausgehen ein protestantischer Geistlicher Schailom alechem zurief. In Alexandrien dachten wir der. Blüte hellenischer, auch jüdischer Wissenschaft, am Nil und am Wüstenrand von Kairo beim Anblick der nach uralter Art pflügenden und Wasser schöpfenden Fellachen an unsere Ackerbau und Viehzucht treibenden Vorfahren vor Jahrtausenden. Am Fuße der Pyramiden und im Tempel von 'Karnak mit seinen gewaltigen Säulen, zu welchen die Steine weither geschleppt und aufgetürmt werden mußten, erinnerte ich meine Frau an die schweren Frondienste unsrer Ahnen unter den Pharaonen. > In Kairo beobachteten wir vor einem Kaffeehaus das laute, wirre, bunte Straßengetriebe. Eine alte Frau bat um eine Gabe und erhielt sie. „Sind Sie Jüdin?" fmg ich. „Ja", war die Antwort, „aber seit ioh getauft bin, wollen die Juden nichts von mir wissen, und die Christen auch nicht." Verdientes Schicksal! Der Heimweg ging über Rom. Vom Kapitol herab steigt man zu dem von Cypressen beschatteten Judenfriedhof. Von Ferne glänzt die große Kuppel 'dler Synagoge am Tiber und stört etwas aufdringlich (das klassische Städtebild. Viel bescheidener und ärmlicher ist das Betihaus iim alten Ghetto von Venedig, nahe dem Bahnhof, wo die Armen hausen. Die Begüterten wohnen in der Stadt zerstreut. Beim Verlassen des Gotteshauses sagte der Mann, welcher mich, meine Frau und unseren Sohn geführt und die Bedeutung des Almemoir, der Lade, der Torarollen in gutem Deutsch erklärt hatte: „Ich bin der Vorsteher. Mir brauchen Sie nsichts zu geben,-«ber hier dem Diener, bitte!" Auf dem Platz vor der Synagoge drängten sich schwarzhaarige, dunkeläugige, nicht ganz saubere Kiinder an uns und bettelten. Nirgends sonst in Italien wurden wir, getreu Mussolinis strengen Weisungen, um Almosen angegangen. Es war aber-auch am Ende der malerischen Lagunenstadt ein von ihr ganz verschiedenes elendes Stückchen, in welchem wohl die Einen am' Shakespeares Shylock dachten, wir än schweres, trauriges jüdisches Leben der Vergangenheit. - Mit viel mehr Andacht und Ergriffenheit standen wir in späteren Jahren in der alten Schul' in Prag und an den verwitterten Grabsteinen des angrenzenden Friedhofs. Die Fahne im Rathaus zeugte von der Tapferkeit der jüdischen Studenten bei der Verteidigung der bedrohten Stadt Im Vorbeifahren erinnerte ein Denkmal an den wundertätigen „Hohen Rabbi Löb", welcher den sagenhaften Golem schuf und meisterte. Andere Reisen 'führten über den Ozean. Schon im Jahre 1913 nannte man uns in New York vornehme Clubs der „oberen Zehntausend", welche keine Juden aufnahmen, und in Zeitungen lasen wir Sommerfrischen als judenfrei 'angepriesen. Andererseits erblickten wir zahlreiche jüdisch klingende Firmenschilder an den größten und schönsten Geschäften der Hauptstraßen. Bei meinem zweiten Aufenthalt iiu der Weltstadt während des Krieges im Jahre 1914 bemerkte ich nichts Auffallendes. Im Jahre 1928, wm dritten Male als Schiffsarzt der Hapag nach Amerika gefahren, machte; ich neue Wahrnehmungen. Große Schilder an den Omnibussen luden ein: Besucht die Lewisohn-Konzerte im Centralpark! Volkskonzerte, eine unentgeltliche Stiftung einer Jüdin. Ich besuchte an einem Samstag Abend — über Sabbat war geschlossen—im Norden einen großen Lebensmittelmarkt. Verkäufer waren nur russische Juden, die Männer groß und stattlich, auch blonde darunter, die. Frauen meist kleiner und dick, alle außerordentlich rührig und freundlich in der Bedienung der zahlreichen Käufer. Sie sprachen ein rauhes Englisch, teilweise Kein Gemeindemitgliedohne die blaue Karte für Hilfe und Aufbau

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