Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 7 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 154 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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154 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 Touristenreisen nach Nordamerika, Südamerika Südafrika Palästina durch Palestiiie&Orient Lloyd Vertretung Manchen, Maximilians-Platz 12a Telefon 13881 Hj^HHHHH|^BH|^BHmH|^BBBH^HV 4. Totalität. Nicht nur einige, sondern alle Qualitäten und Quantitäten, sowohl als Personen als auch in unpersönlicher Form, sind am universalen Organismus zu beteiligen. Mit Hilfe dieser Begrifflichkeit wird die Moralwissenschaft, wie wir hoffen, nicht nur die Antinomie zwischen Formalismus und Axiologismüs überwinden, sondern auch die folgenden vier weiteren, in denen wir den Ausdruck der Struktur des ethischen Problemfeldes finden: 1. R i g o r i s m u s — E ai d ä m o n i s m u s (UtilitarIsmus) oder der Konflikt zwischen Pflicht und Neigung (Nutzen) (andere Abwandlung: Altruismus — Egoismus); 2. Sozialismus — Individualismus oder der Konflikt zwischen Gemeinschaft und Individuum (andere Formulierung: Transpersonalismus — Personalismus); 3. Humanismus — Nationalismus oder der Konflikt zwischen Menschheits-und Volksbejahung (und in der Fortsetzung dieser Linie: Problem der Einbeziehung immer umfassenderer Bezirke in die übergeordnete Einheit: der gesamten belebten und unbelebten Welt und Gottes: Theozentrisnras — Anthroprozentrismus); 4. Autoritarismus — Autonomismus. oder der Konflikt zwischen den Prinzipien des Gehorsams, der dem Überlegenen geschuldet wird, und der Selbstregierung durch das eigene, individuelle Gewissen. Die weitere Verfolgung dieser Gedankenlinie kann hier nicht mehr gegeben werden. Dagegen bleibt noch der Nachweis zu führen, daß sie mit dem Judentum zusammenhängt. Und das tut sie allerdings. Nicht nur läßt eines der ältesten literarischen Dokumente, das Buch Jezirah, die Welt aus den zehn ersten Zahlen und den zweiundzwanzig Buchstaben entstehen, indem es dabei diesen Zeichen die Bedeutung menschlicher Organe, d. i. von Prinzipien des biologischen Fuinktionierens zuordnet, nicht nur kennt Jizchak Lurjah die Vorstellung von einem Organismus der Völker, dessen Herz Israel sei, sondern auch die Lehre vom AdamKadmonist gar nichts anderes als eben der hier in der Sprache europäischer Philosophie in der Dienerslra(,e Das Haus für vornehme gediegene Wäsche 4HHBHIBHHHHIHHHHHII[HIHHHIHHHHHBiHIHH!li^H vorgetragene organische Universalismus; in der Thora aber ist davon mit dem Terminus „Z e 1 e m E1 o h i m"17 die Rede (Gen. 1, 26—27), den Goldberg „den absolut transzendenten Organismus", „die Vorbiologie", „das die Lebensgesetzlichkeit erzeugende und unterhaltende Dynamo der in sich abgeschlossenen organischen Welten (d. i. der verschiedenen biologischen Organe oder Funktionen der Existenzweisen). nennt,18 und zu dem er bemerkt: „Der Pentateuch sagt (im Schöpfungsbericht), daß die Gesamtheit der Menschen einen gemeinsamen Z e 1 e m besitzt, der als die Präformation des Menschen, als der „transzendente Urmensch", der „Adam Kadmon" anzusehen ist"19 In diesem Zelem herrscht dasPrinzipdes Stellenwertes,20 das Prinzip des „heterogenen", d. i. qualitativ gegliederten21 (s. o.) Raumes: „Im heterogenen Raum gilt das Prinzipd es Stellenwertes. Der Raum des Stellenwertes ist aber der Prototyp des Organismus."22 „Da nun... der Qualitätskategorie... der heterogene, metaphysische Raum zuzuordnen ist, so muß sich die qualitative Seite des Lebens — das „Prinzip" des Körpers — als der „absolute", i n - d i v i d u e 11 e Raum darstellen. Für den Raum des transzendenten Organismus gilt aber der „Tauschbegriff mit Wertänderung", d. h. das Unvertauschbarkeitsprinzip. Hieraus ergibt sich die Definition des Lebens, als transzendenten Begriff: Lebenheißt: an einer bestimmten, wertbetonten, unvertauschbaren Stelle stehen."22 VII. Wir haben somit gezeigt, wie aus den Quellen des Judentums diejenigen begrifflichen Werkzeuge geschöpft werden können, die zur theoretischen Bewältigung der Gerechtigkeitsproblematik nach ihrer sachlichen und persönlichen Seite erforderlich sind. Von dem hier gekennzeichneten Standpunkt aus führt ein direkter Weg zum jesajanischen Messianismus, d. i. zur Setzung der Allmacht Gottes als WeltundMenschheitsziel, einer Position, die durch die Aufstellung des Begriffes der S e 1 b s t g e r e c h t i g k e i t Gottes23 und die Wiederaufnahme des traditionellen Begriffspaares „M i s c h p a t" und „Z e d a k a h" durch Goldberg ihre letzte theoretische Ausprägung erfahren hat. Nur durch Schaffung einer vollkommenen Welt, durch Realisierung der sittlichen Weltordnung kann Gott sich selbst gerecht werden, sein eigenes Wesen verwirklichen. Dazu aber bedarf es des Durchbruches einer neuen Weltordnung (Zedakah) und der Aufhebung der jetzt bestehenden (Mischpat). Wie Gottes Ziel, des Herrn der Offenbarung, so ist auch das Ziel des Menschen „die Herstellung der sittlichen Weltordnung, da dies gleichbedeutend ist mit der Beseitigung der Not, in die er durch die Naturordnung versetzt ist." Das Weltziel der Gerechtigkeit, die „Herstellung der Übereinstimmung von Natur und Offenbarung": „das ist der Treffpunkt — die Edut, wie es der Pentateuch nennt — zwischen Mensch und Gott."24 „Ohne die Mitwirkung Gottes ist die sittliche Weltordnung nicht durchzusetzen ... Der anwesende Gott ist der Garant der sittlichen Weltordnung, die Macht und Gerechtigkeit vereint."25 Ihre Realisierung ist also gleichbedeutend mit „der fortschreitenden Aufhebung der Einschränkungen der göttlichen Allmach t", oder, positiv ausgedrückt, mit der „Herstellung derBedingungen", die das Eingreifen Gottes in das Einzelgeschehen dieser Welt ermöglichen,28 d. i. mit endgültiger Auflösung der Theodizeeproblematik. Sie ermöglicht und zieht nach sich die Verwandlung der Welt in jenen Organismus des Lebendigen überhaupt, der die Lösung des Problems der materialen Wertethik, der zu konkretisierenden absoluten Gerechtigkeit, bedeutet. 17 „Wirklichkeit der Hebräer", S. 33—34, 74—76 s. a. z. „Adam Kadmon" und zu Jakobs Leitertraum, S. 180—81. 18 Ebd. S. 74. 19 Ebd. S. 75. 20 Ebd. S. 74, 181. 21 welchem der Geruchssinn zugeordnet ist, ebd. 165. 22 Ebd. S. 181. 23 Vgl. Goldberg, „Maimonides etc.", S. 70—74, 61, 100 und das oben Anm. 5 zitierte Referat. 24 Goldberg, a. a. 0., S. 73. 25 A. a. O., S. 72. 20 Wegen der Einzelheiten vgl. das oben Anm. 5 zitierte Referat.