Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Journal
- Bayerische israelitische Gemeindezeitung
- Volume
- 13 (1937)
- Issue
- 7 (1.4.1937)
- Date
- 1937-04-01
- Page
- Seite 153 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung 153 Seine Hauptwerke heißen „Gegen die Dichtung"12 und „Wirklichkeit, Mythos, Erkenntnis".13 In diesen Arbeiten wird derBegriffdes Organismus für die Domäne der Kulturphilosophie und die Betrachtung der verschiedenen Bewußtseinsvermögen in ungeahnter Weise fruchtbar gemacht. So viel über diesen Begriff geschrieben und mit ihm operiert worden ist, wir erwähnen, um nur einige Beispiele zu nennen, Denker, wie Otto v. Gierke und Othmar Spann, so wenig ist bisher die wahrhafte fruchtbare Substanz dieser Kategorie aufgedeckt worden — sie fällt ihrem Wesen nach mit der von Kant als „Wechselwirkung" oder „Gemeinschaft" benannten zusammen, die wir für das Zentrum aller Begrifflichkeit überhaupt anzusehen geneigt sind und deren spezielle Fähigkeit zur Behebung der Schwierigkeiten der Moralvvissenschaft wir jetzt erproben wollen. Hierbei gehen wir von dem bei Unger entwickelten Gesichtspunkt aus, daß es unmöglich ist, mit Erfolg einen Wert gegen den anderen auszuspielen. Es läßt sich z. B. auf keine Weise dartun, warum eher Kunst sein sollte als Wissenschaft oder umgekehrt; alle auf dieser Ebene geführten Diskussionen müssen fruchtlos bleiben, in einer Sackgasse münden. Jeder Wert hatseine Würde insich, und bei gleichsam individualistischer Geigenüberstelluirog der Werte t> e h ä 11 j e&e r gegen jeden.Recht. Es gibt nur einen Gesichtspunkt, von dem aus dies in einem anderen Licht erscheint: Wenn die einzelnen Werte, Tendenzen, Triebe, alsTeileeinerGanzheit, des Lebens und des Seins selbst, betrachtet werden, dieses Daseins, das entweder als schlichte Gegebenheit hingenommen oder als durch die Willensentscheidung des Schöpfers entstanden gedacht werden kann. Von hier aus gewinnen wir einen Vergleichsmaßstab. Wenn vorausgesetzt wird, •dias Leiben als Totalität s/oille sein, so sind damit zunächst einmal alle ihm innewohnenden Tendenzen oder Wunsch rieh tungen bejaht, und die Frage ist nunmehr nur, w i e sie sich aneinander gliedern, wie sie aufeinander eingespielt sein müssen, um öene Totalität ides Lebens z>it erzeugen, die als Ganzes genommen ein sinnvoll in allen seinen Teilen auf einander abgestimmtes Wesen darstellt, dessen Teile nicht ein Chaos bilden, sondern in ihrer Funktion ein „Konzert" ausmachen. Diese Konzeption ermöglicht es, jeder Tendenz einen „Stellenwert"14 im „Organismus des Lebendigen überhaupt"15 zuzuweisen und damit, einen Leitgesichtspunkt für die Überlegung zu gewinnen, welche Ausgestaltungen die Partialwesenheiten bekommen müssen, welche Rolle sie spielen dürfen und sollen, welche Ausdehnung sie anzunehmen haben, damit sie in die richtige Proportion zueinander kommen, wie es ja auch für die Glieder und Organe eines lebendigen Wesens ein optimales Verhältnis gibt. Es dürfte erkennbar sein, daß hier wirklich die dialektische Überbrückung des Gegensatzes „Formalismus"-Axiologismus" angelegt ist. Denn die gesamte Seins - und Lebenssubstanz findet sich bejaht und gleichzeitig gestaltet. Der Universalismus und das Prinzip des Organismus stellen das formale. Moment dieser Lösung, der Einbau der vielen, vielen, ja aller in der Seins-Totalität enthaltenen Quantitäten und Qualitäten ihr materiales Moment dar. S<e läßt sich auch formulieren als Abwandlung des Kategorischen Imperativs Kants: „Alle Elemente des Seienden sollen sich so anordnen, so funktionieren, daß die Maximen eines jeden von ihnen sie zur Ausfüllung der ihrem Stellenwert entsprechenden Organrollen hinleiten. Man kann dies auch den „organischen Imperativ", die hier angedeutete Position die des „o r g a n i s c h e n U n i v e r s a 1 i s m u s" nennen. Die Allgemeingültigkeit in der Form der Gleichförmigkeit, wie sie dem Kantischen Imperativ (Tauglichkeit der Maximen für eine allgemeine Gesetzgebung) zu Grunde liegt, wird hier ersetzt durch die Allgemeingültigkeit in der Form der U n t e r - Ordnung unter eine totale Lebensgesetzlichkeit. Das Kantische atomistisch-individualistische ..Nebeneinander-Bestehen-Können der Freiheit einen jeden mit der Frei- 12 Leipzig 1925 bei Felix Meiner. 13 Berlin- und München 1930 bei R. Oldenbourg. 14 Goldberg, „Wirklichkeit der Hebräer", S. 74, 181. 15 Ebd. S. 74—76, 181, s. a. Unger, „Wirklichkeit, Mythos, Erkenntnis", S. 269—272. ^öiäl 25 JAHRE Hö37 KOSTÜME KLEIDER MÄKiTEIi PELZE heit aller anderen" wird ersetzt durch das Zusammenstimmen aller Tätigkeiten im Konzert einer universalen funktionellen Reziprozität. Übrigens wird sich hierbei ergeben, daß jede Tendenz und jede Wesenheit Sm Sich-Hineinstellen in den Organismus des Lebendigen zu einer größeren Selbstverwirklichung gelangt als bei allen Versuchen, sich, einen bloßen Teil der Realität, ein folglich nicht absoluter Ganzheit fähiges Seins-Element, zu einer autarken, absoluten, monadischen Ganzheit auf zu werfen. Wir gelangen jetzt dazu, die Kategorien des organischen Universalismus versuchsweise anzugeben: 1. Intensität. Alle Tendenzen sollen sich mit maximaler Intensität verwirklichen. 2. Extensität. Alle Wesen sollen sich so ausdehnen, wie es ihrer Organrolle gemäß ist, d. i. im Endergebnis: maximal oder genauer: optimal. 3. Varietät. Im herzustellenden Organismus des Lebendigen herrscht nicht Uniformität, der reale Raum ist insoweit nicht homogen, wie Bergsön, ihn von der Zeit unterscheidend annimmt,16 sondern qualitativ gegliedert, heterogen. 16 Vgl. „Essai sur les donnees immediates de la conscience", Alcan, Paris 1888, Kap. II, anders Goldberg, a. a. O. S. 180— 181, 74. Lebensinhalt und Lebensweg jüdischer Jugend Kundgebung der chaluzisdien Bünde Münchens am Samstag, den 17. April 1937 2030 Uhr in der Turnhalle des Jhis, Plingansersfraf^e 76 Redner: Boris Eisensfadt (Berlin) Dr. Georg Josephthal (Berlin) Eintritt: 50 Pfg., für Jugendliche frei Vorverkauf: ZOG, Schlosserstralje 2/1 (Tel. 53052) Ewer-Buchhandlung und bei den Mitgliedern der Bunde.