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Bayerische israelitische Gemeindezeitung · 1937-04-01 · 7 (1.4.1937) · p. Seite 152

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Journal
Bayerische israelitische Gemeindezeitung
Volume
13 (1937)
Issue
7 (1.4.1937)
Date
1937-04-01
Page
Seite 152 (sequence 4)
Language
German
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152 Bayerische Israelitische Gemeindezeitung Nr. 7 dem Volk vergeben wollte (Ex. 32, 31—32)?° Und was ist Abrahams Rechten mit Gott vor dem Untergange Sodoms und Gomorrahs (Gen. 18, 23—33)? Was ist es, wenn er bei dieser Gelegenheit zu Gott spricht: Der Richter der ganzen Erde sollte nicht üben Gerechtigkeit (Gen. 18, 25)?7 Der Mut zum Zweifel bis zum äußersten, das Maximum an menschlicher Autonomie und Freiheit, an Unbestechlichkeit durch Macht und an Wahrheitstreue, die typischen Tugenden und Kennzeichen des aufrechten Rationalismus. Abraham, der Mensch, zieht als möglich in Betracht, daß es ungerecht zugehen könnte, ja, daß Gott selbst eine Ungerechtigkeit begehen könnte, und merkwürdigerweise wird er von Gott deswegen nicht einmal getadelt! Mit diesem Geist stimmt ein Späterzeugnis des jüdischen Schrifttums überein, das Buch Hiob. Nicht Hiobs Freunden wird von Gott Recht gegeben, sondern Hiob erhält vor ihnen den Vorzug, nachdem er die heftigsten Anklagen gegen Gott vorgebracht, ihn der Ungerechtigkeit nicht nur ihm, Hiob, gegenüber, sondern in der Lenkung der Welt überhaupt geziehen hat (den Frevlern geht es gut, die Vergeltung erreicht sie nicht, Kap. 21, 7-9). Hiobs Aufrichtigkeit, sein Pitchon Peh, findet Gottes Anerkennung, er wird für seine Leiden entschädigt, gegen die Freunde aber erglüht Gottes Zorn, und er legt ihnen Sühnopfer auf (Kap.42,7-8), „mit der Begründung.. daß vor Gott kein Heuchler kommen darf (Kap. 13, 16)",8 sie, die Verteidiger Gottes werden der Heuchelei schuldigbefunden. Denn dieunsittlicheWeltordnung, die Ungerechtigkeit, ist so handgreiflich, daß jede Verteidigung wider besseres Wissen geschieh t." 9 „Ihr habt nicht so aufrichtig zu mir geredet, wie mein Knecht Hiob (Kap. 42, 8)", spricht Gott zu Hiobs Freunden. V. Von den Grundanschauungen des Judentums geleitet, wenden wir uns jetzt den Problemlösungen zu. Unsere Aufgabe ist die Uberwindung der oben unter III formulierten anscheinend ausweglosen Situation. Wir behandeln diesmal zunächst ihre theologische Seite, die Paradoxie der Theodizee. Die gleichzeitige Behauptung der Allmacht und der Allgerechtigkeit Gottes führt, wie wir gesehen haben, in unauflösliche Widersprüche und ist dem richtig verstandenen Judentum entgegengerichtet Man muß somit eines der beiden A41prädikate fallen lassen. Das der Allgerechtigkeit aufzugeben, hieße den Sinn des Lebens verneinen. Das aber ist das letzte, worauf sich das Judentum einlassen kann. Man wird daher zunächst den Verzicht auf die Allmacht vorschlagen. Das tut bereits der Parsismus, aber die Annahme zweier sich die Wage haltender Weltprinzipien, des guten (Ormuiz) rumd des bösen (Ariiman) abringt wieder bei Inbetrachtziehung der Weltschöpfung unübersteigliche Schwierigkeiten zur Entstehung. Dagegen eröffnet sich, entgegen der ersten Erwartung, gerade vom Schöpfungsbegriff her eine andere Möglichkeit, zur Beschränkung der Allmacht zu gelangen. 6 Vgl. „Wirklichkeit der Hebräer", S. 59. 7 Ebd. S. 58. 8 Ebd. S. 55. 9 „Maimonides etc.", S. 105 ff. .^Wir werden hier genötigt sein, diese äußerst schwierigen Überlegungen, die in den Goldbergschen Schriften vorgetragen werden, unter gleichzeitiger Erbringung des Nachweises, daß sie von der Thora zwar nicht entwickelt, wohl aber vorausgesetzt werden, in stark vereinfachter Form wiederzugeben. Die Schöpfung bedeutete, abgesehen von der Entscheidung „es soll eine Welt sein", die Herstellung einer bestimmten Ordnung des Daseins, einer Ordnung der lebendigen und der unlebendigen Welt, einer Naturordnung, mit einem Wort: ein Werk, das erst nach der Sintflut beendet wurde, vgl. Gen. 8, 21—22. Nun bedeutet die Herstellung und Konstituierung einer bestimmten Ordnung ein Heraustreten aus dem Zustand des Sich-nach-allen-Seiten-gleich-leichtbewegen-Könnens, also aus dem Zustand der „schöpferischen Indifferenz" (Friedländer). Der Eingriff in Einzelheiten eines geschaffenen Werkes kann schwerer zu vollbringen sein als die Schöpfung oder Zerstörung des Werkes insgesamt. Besonders dann, wenn das Geschaffene sich als ein ausequilibriertes energetisches Gefüge darstellt. Es besteht dann immer leicht die Gefahr, daß die mit dem Eingriff verbundene Störung des energetischen Gleichgewichts so groß wird, daß das Werk als Ganzes es nicht aushält, zerstört wird,11 so daß der mit der Herstellung verfolgte Zweck vereitelt wird. Ein nur annähernd stimmender Vergleich mag dies noch veranschaulichen: Ein Mensch nehme sich vor, die gesellschaftlichen Zustände eines Ameisenhaufens zu reformieren. Leicht ist es für den übermächtigen Menschen, den ganzen Haufen zu zerstören, durch Zerwühlen, Uberschwemmen, Verbrennen, Vergiften. Aber einer einzelnen Ameise gegen eine andere im Innern des Baues zu Hilfe zu kommen vermag er nicht. Dazu müßte er erst selbst auf irgend eine Weise Ameise zu werden verstehen. So müssen auch für den Schöpfergott, soll er in das Detail der geschaffenen Welt eingreifen können, ohne sie zu zerstören, ganz besondere Bedingungen hergestellt werden, die eine spezielle sorgfältig dosierte Manifestationsf o r m seiner herbeiführen, und überdies eBedingungen herrscht der Mensch — wie, kann hier nicht ausgeführt werden. Der gegenwärtige Weltzustand ist nun durch das Fehlen dieserBedingungen charakterisiert, Gottkannsich nicht (ohne Zerstörung der Welt überhaupt) manifestieren, infolgedessen fällt ihm die herrschende Ungerechtigkeit nicht zur Last. Hierfür trägt vielmehr der Mensch die Verantwortung, dieweil er die Herstellung der Bedingungen für das irdische Auftreten des zur Realisierung der Gegenwartsgerechtigkeit befähigten und gewillten Gottes unterläßt. Es besteht somit von Vernunft wegen kein Hindernis, mit dem Vorhandensein und künftigen irdischen Auftreten des allgerechten und wachsend mächtigen Gottes zu rechnen. Daß die Quellen den Begriff von Sieg und Niederlage Gottes kennen, sei durch wenige von Goldberg hervorgehobene Beispiele erhärtet: Die Thora nennt sich selbst das „Buch der Kriege Gottes" (Num. 21, 14), Moscheh jubelt über den Sieg Gottes und nennt ihn einen Mann des Krieges (Ex. 15, 2—3), ferner: der Verlust der Bundeslade an die Philister (1. Sam. 4, 10—22). VI. Es bleibt zu erörtern, ob sich gedanklich ausmachen läßt, was gerecht ist. m. a. W., ob es überhaupt ein Ziel gibt, für das die Macht des gerechtigkeitsliebenden Gottes herzustellen und einzusetzen ist. Und das hängt, wie wir gesehen haben, davon ab, ob die zwischen Formalismus und Axiologismus bestehende Antinomie aufgelöst werden kann. In dieser Beziehung ist außer auf die Goldbergschen Arbeiten auf diejenigen Erich Ungers zu verweisen, eines an Goldberg anknüpfenden Erkenntnistheoretikers und Kulturphilosophen. 11 Vgl. Goldberg, „Maimonides etc." S. 70 und das oben Anm. 5 zitierte Referat. MAGISTER KIRSCH der gute Likör, Magister München VII _Stadtfillale Hochbrückenstr. 14, Ecke Herrnstr. ISRAELITISCHE KULTUSGEMEINDE MÜNCHEN LEHR HAU s] Samstag, den 10. April abends 8.30 Uhr, Sitzungssaal der Gemeinde, Herzog-Max-Sfraße 7 Vortrag von Dr. Hans Epstein, Frankfurt a. M. Die Jüdische Bildungslage Eintritt frei!

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